Naturschützerin Kathi Hentzschel aus Radevormwald erhält den Rheinlandtaler

Verdiente Ehrenamtlerin : „Grünen Daumen habe ich vom meinem Opa“

Die Pflanzenvielfalt in ihrem Garten in Radevormwald ist berühmt. Doch Kathi Hentzschel (81) erfreut sich nicht nur an schönen Blumen, sondern kämpft auch seit Jahrzehnten für den Naturschutz. Nun erhält sie den Rheinlandtaler.

„Aufhören“ oder gar „aufgeben“ sind Worte, die es im Sprachschatz von Kathi Hentzschel nicht zu geben scheint. Höchstens „abgeben“. So delegiert sie die schweren, groben Arbeiten in ihrer knapp 2000 Quadratmeter großen, idyllischen Gartenoase mittlerweile an einen Helfer. Aber zarte Pflänzchen und Kräuter ziehen, Stecklinge behüten, Stauden aufpäppeln oder ihre Obstbäume zu pflegen, das lässt sie sich trotz des 82. Geburtstages im Mai nicht aus der Hand nehmen. „Für mich ist Garten Leben“, sagt sie lächelnd. „Jedes Frühjahr freue ich mich, wenn die Pflanzen wiederkommen oder die angehen, um die ich mich lange bemüht habe. Ich genieße es, Insekten und zu beobachten und andere Tiere, die zu Besuch kommen, wie Fuchs, Marder oder auch Rehe. Das alles bekomme ich frei Haus, und ist das für mich das pure Glück.“

Die Leidenschaft für Natur hat sie in die Wiege gelegt bekommen: „Mein Opa war Gärtner in der Weimarer Republik. Ich habe ihn zwar nicht kennengelernt, aber von ihm habe ich den grünen Daumen geerbt“, erzählt die gebürtige Brandenburgerin, die in den Kriegswirren mit ihrer Familie ins norddeutsche Heide flüchten musste. „Da hatten wir einen Nutzgarten, wie es in der Nachkriegszeit üblich war, aber Kartoffeln und Bohnen fand ich damals nicht so spannend“, verrät Kathi Hentzschel lachend. „Aber ich hatte schon immer ein Faible für Pflanzen. Biologie hat mich in der Schule fasziniert. Und wo immer es ging, habe ich alles zugepflanzt.“

„Learning by doing“ war früher das Garten-Motto der gelernten Ingenieurassistentin, die bei Siemens ihren Ehemann kennenlernte und später mit ihm und den beiden Söhnen nach Radevormwald gezogen ist, wo 1979 auf einem wilden Grünland, auf dem früher mal Kutschpferde grasten, das Familienheim gebaut wurde. Dass das Land heute ein Gartenparadies ist, liegt am unstillbaren Wissensdurst und der immensen Tatkraft seiner Besitzerin. Kathi Hentzschel ist schon als junge Frau für Fortbildungen „bis nach Norddeutschland gereist, um zu lernen“, sagt sie. Ob Kompostwirtschaft, Veredelung von Obst oder Heilkräuter und ihre Verwendung – sie wollte alles wissen und hat schon lange, bevor es allgemein populär geworden ist, eine Kräuterspirale aus Grauwackesteinen - „weil es wichtig ist, hiesige Steine zu nutzen“ – mit familiärer Hilfe selbst gebaut. Außerdem gehörte sie zu den Gründerinnen der Bergischen Gartenarche um die bekannte Sachbuchautorin Marie Luise Kreuter, die zum Erhalt traditioneller regionaler Sorten beiträgt.

Wenn Kathi Hentzschel heute durch ihren Garten geht, dabei erzählt, dass einer ihrer Söhne vor über 30 Jahren die Weide eingepflanzt hat, die heute ehrwürdig über das Grundstück wacht, wie lecker Sauerampfersupper schmeckt, oder der wilde Spinat, der „Guter Heinrich“ heißt, Winterportulak toll als Salat ist und sie gläserweise Marmelade aus Quitte, Johannisbeeren oder Trauben kocht, sieht sie nicht die Arbeit, die dahintersteckt, diese Oase zu pflegen und zu nutzen, sondern nur Freude. „Ich habe es immer schon als außerordentliches Glück empfunden, ein so wunderschönes Grundstück zu haben, wo ich Pflanzen aufziehen und damit Leben mit all den kleinen und größeren Tierchen hierherlocken kann. Dass ich erleben und mich daran erfreuen darf, wie alles wächst“, sagt sie dankbar.

Letztendlich war das auch der Grund, warum vor Jahrzehnten aus der Hobbygärtnerin eine engagierte Naturschützerin geworden ist, die für ihren Einsatz am 30. April mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet wird. Als 1983 die Kanalbaumaßnahme in Radevormwald in Kraft trat, wurde eine Quelle gekappt und damit ein Bach trockengelegt. „Ich konnte gar nicht begreifen, dass dieser Bach nicht mehr fließen durfte“, erinnert sie sich und setzte sich damals prompt dafür ein, den Ortsverein Radevormwald des Bergischen Naturschutzvereins zu gründen. Bis heute ist die Großmutter von drei Enkeln als Geschäftsführerin aktiv. „Mit 75 wollte ich mal aufhören“, gibt sie zu. „Aber Naturschutz braucht ein erstklassiges Netzwerk. Man muss mit jedem sprechen und wissen, wo die richtigen Experten sind. Diese Leidenschaft zu lernen und etwas bewegen zu wollen, muss man im Bauch haben.“ „Aufhören“ ist deshalb kein Wort aus ihrem Sprachschatz und schon gar kein Thema für die liebenswürdige Dame, die aber zur echten Kämpferin wird, wenn es um die Natur geht. Nicht umsonst ist sie heute offizielles Mitglied im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt, erteilt Ratschläge und Hinweise zur Abstimmung, wenn es unter anderem um die Baumschutzsatzung geht, „weil jeder gefällte Baum die Luft verschlechtert“, oder die Aufbereitung von Wildblumenwiesen, um Insekten Lebensraum zu bieten. „Es hat fünf Jahre gedauert, bis wir uns durchgesetzt und ein Rederecht bekommen haben“, sagt Kathi Hentzschel nicht ohne Stolz.

Das nutzt sie heute, um gegen Steingärten zu wettern, die vermeintlich einfach zu pflegen sind, aber dem Kreislauf der Natur immens schaden. Schließlich gibt es ohne Blumen, Wiesen oder Obstbäume keinen Platz für Vögel und keine Nahrung für Wildbienen, die geschützt werden müssen. Und dazu kann jeder auf kleinstem Raum beitragen, betont sie. „Wer Blumen auf dem Balkon hat, sollte darauf achten, dass die Blüten ungefüllt sind“, rät sie. Beispiel: Gefüllte Rosen, die wir als Schnittblumen lieben, nutzen Bienen gar nichts, weil durch besondere Züchtung zwar die Zahl der Blütenblätter vermehrt wurde, aber die Narben und Staubblätter zurückgebildet und unerreichbar sind. Anders ist es bei der Heckenrose, die für die summenden Helfer ein echtes Festmahl ist. Auch Kräuter, die selbst im Blumenkasten prächtig gedeihen, locken Bienen an und tragen einen Teil zum Naturschutz bei, dem sie sich verschrieben hat.

Dass sie für die Ausdauer und Beharrlichkeit, mit der sie für ihr Anliegen gearbeitet hat, nun den Rheinlandtaler erhält, freut sie sehr, weil es „um den Naturschutz geht“. Aber der Termin am 30. April stellt sie vor eine Herausforderung, weil am 1. Mai die Pflanzentauschbörse stattfindet, die Kathi Hentzschel vor über 30 Jahren zum ersten Mal initiiert hat und für die sie „immer bis spät in die Nacht noch soviel vorbereiten will“. Dort tauschen heimische Zierpflanzen den Besitzer, es können Stauden und Pflanzen, von denen man selbst im eigenen Garten zuviel hat, oder auch Sämereien gegen einen kleinen Obolus angeboten werden. Ein Bummel an den 20 oder mehr Ständen vorbei lohnt sich, weil es dort auch außergewöhnliche Pflanzen wie den blühfreudigen Heilziest gibt oder Baumspinat, der nicht nur hübsch, sondern auch lecker ist. Die Pflanzentauschbörse ist ein Herzensprojekt von Kathi Hentzschel, die im Bergischen Land ihre Heimat gefunden hat: „Das ist mein Kind für Rade.“

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