Radevormwald: "Mädchen flogen durch den Bus"

Radevormwald: "Mädchen flogen durch den Bus"

Nach dem schweren Busunglück in Radevormwald, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen, spricht nun ein Insasse über den schrecklichen Unfall. Marcel Langer (25) aus Wuppertal saß in der hinteren Hälfte des Busses.

"Das lief in Zeitlupe ab. Zwei Mädchen, die hinter mir gesessen hatten, sind an mir vorbeigeflogen", berichtet er am Mittwoch an der Unglücksstelle. Über den Unfallhergang sagt er: "Die letzten Passagiere, das ältere Ehepaar, das leider ums Leben gekommen ist, sind eingestiegen. Sie haben sich hingesetzt, die Türen sind zugegangen. Auf einmal hat der Busfahrer oder der Bus selbst Vollgas gegeben. Dann ist er über die erste Kreuzung ohne zu gucken rübergefahren. Er wurde immer schneller. Die erste Kurve hat er gekriegt, aber in der zweiten ist er geradeaus gefahren."

Kollegen des getöteten Busfahrers halten einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt für die plausibelste Unglücksursache. Möglich wäre nach Meinung von Medizinern auch eine schwere Herzrhythmusstörung. In allen Fällen wäre denkbar, dass der Fahrer zwar nicht das Bewusstsein verliert, aber zu kontrolliertem Handeln nicht mehr in der Lage ist. Nähere Aufschlüsse darüber soll eine Obduktion geben.

Der 45-jährige Fahrer soll augenscheinlich bester Gesundheit gewesen sein. Der Mann fuhr seit zehn Jahren für das Busunternehmen Klingenfuß, eine Tochter der Wuppertaler Stadtwerke. Er hinterlässt vier Kinder, darunter einen wenige Monate alten Säugling. Mitarbeiter der Wuppertaler Stadtwerke haben eine Sammlung für die Familie gestartet. Die Stadtwerke dementierten, dass der Fahrer nur als Urlaubsvertretung eingesetzt worden sei. Er habe die Strecke gut gekannt. Der 45-Jährige habe überdies als sehr zuverlässig gegolten.

Lisa Reimers* hat den Schock über das schwere Busunglück in Radevormwald immer noch nicht überwunden. "Sie wird von einem Notfallseelsorger betreut", berichtet ihr Vater Manfred. Die 20-Jährige stand mit ihrem Kleinwagen in Höhe des Wuppermarktes an der Einmündung zur Wuppertalstraße, als der mit elf Passagieren besetzte Bus eine Leitplanke durchbrach und in die Wupper stürzte. Fünf Menschen kamen bei dem Unfall ums Leben, sieben wurden verletzt, sechs davon schwer.

Lisa Reimers ist eine der wenigen Zeugen, die sahen, wie der Bus eine Leitplanke durchbrach und 20 Meter in die Tiefe stürzte. "Sie hat mir erzählt, dass ihr Wagen nur deshalb nicht von dem Bus mitgerissen worden sei, weil sie noch nicht bis zur gestrichelten Linie vorgefahren war. Nach den Aussagen der jungen Frau fuhr der Bus sehr schnell. Der Fahrer soll aufrecht hinter dem Steuer gesessen sein. Er war offensichtlich noch bei Bewusstsein. "Er hatte die Augen weit aufgerissen und wirkte erschreckt, so wie jemand der gerade von einem Starenkasten geblitzt worden ist", bericht Manfred Reimers.

  • Fotos : Radevormwald: Bus stürzt Böschung hinunter

Das könnte zu einem Befund der die Spurensicherung passen, die etwa 20 Meter vor der Straßeneinmündung einige Beschädigungen an einer Bordsteinkante festgestellt hat. Möglicherweise war der Bus schon dort außer Kontrolle geraten. Die Unglücksstelle liegt in einer leichten Linkskurve. Der Bus war zuvor einen Berg hinuntergerollt.

Da der Bus weniger als ein Jahr alt war, gilt ein technisches Versagen als relativ unwahrscheinlich. Ein Gutachter hat mit der Untersuchung des Wracks begonnen, das auf dem Hof eines Radevormwalder Bergungsunternehmens abgestellt ist. Den Sachschaden beziffert die Polizei auf 200000 Euro.

Als Reaktion auf das Unglück ist in Radevormwald der Straßenwahlkampf abgesagt worden. Auch Theateraufführungen wurden gestrichen. Morgen soll der Opfer des Unglücks mit einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche Keilbeck nahe der Unfallstelle gedacht werden.

*Name geändert

Hier geht es zur Bilderstrecke: Radevormwald: Hier wird der Unglücksbus geborgen

(RP)
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