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Julia Schmid ist Jägerin und betreibt gemeinsam mit ihrem Mann eine Jagdschule in Radevormwald.

Serie: Mein Traumjob : Mit Ontho und Carlo auf die Jagd

Julia Schmid ist Jägerin und betreibt gemeinsam mit ihrem Mann eine Jagdschule. Die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte hat vor zwei Jahren ihr Hobby zum Beruf gemacht – und es nicht bereut.

Für Julia Schmid brachte der Oktober 2017 einen beruflichen Neuanfang. Mit der Eröffnung ihrer eigenen Jagdschule tauschte die heute 32-Jährige Paragraphen und Papierstapel gegen Hochsitz und Fährtenlesen. „Und ich habe es keinen Tag bereut“, sagt Schmid. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte eine Jagdschule und ist seitdem täglich im eigenen Revier unterwegs. 400 Hektar gehören im Bergischen Land dazu, außerdem ein Schulungswald, auf den sie aus dem Bürofenster blicken kann, sowie weitere 600 Hektar Jagdrevier im Siegerland.

Ihren Bürojob vermisst sie nicht, stattdessen bereitet sie mit großer Begeisterung Neu-Jäger auf die Jagdprüfung vor und bietet Kurse auch speziell für Frauen an. Denn dass die Jagd noch immer männerdominiert ist, hat die quirlige Frau selbst erlebt. „Wenn Männer mir sagen, es gebe kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung, dann kann ich das wirklich nicht mehr hören“, sagt sie und lacht. Sie selbst trägt, wenn es zu kalt wird draußen, Heizwäsche unter dem Jägergrün und bleibt damit stundenlang warm, wenn sie auf dem Hochsitz wartet. „Die kann man sogar per App steuern“, erklärt Schmid.

Während einige Jäger vom alten Schlage solche Technik ablehnten, seien viele Frauen von beheizbaren Unterziehern, Socken und Handschuhen sehr angetan: Ohne vor Kälte zu zittern, schießt es sich eben präziser. Und genau darum gehe es bei der Jagd, betont die 32-Jährige, die sich immer wieder Vorwürfen von Tierschützern ausgesetzt sieht. „Wir haben keinen Spaß am Töten, aber die Menschen, die uns das vorwerfen, wollen meist gar nicht, dass wir ihre Aussagen im Gespräch widerlegen“, bedauert Schmid. Zudem kritisiert sie, dass einige Jägerkollegen unbedacht Fotos in den sozialen Netzwerken veröffentlichen, auf denen Dutzende erlegte Wildschweine, Rehe oder auch Füchse zu sehen seien. „Natürlich kann ich verstehen, dass die Menschen, die nicht wissen, wie wichtig unsere Arbeit ist, das dann grausam finden“, sagt Schmid. „Das würde ich genauso sehen.“

Schmid, die aus einer Jägerfamilie stammt und „schon als Dreijährige in einem aufgebrochenen Wildschwein gesessen“ hat, ist es wichtig, mit alten Klischees zu brechen. „Ich habe Rosa in den Wald gebracht“, sagt sie dazu und spielt mit dem Gegenklischee. So ließ sie sich extra eine rosafarbene Flinte anfertigen, mit der sie auf die Jagd geht – und sich dabei bewusst den Lachern einiger männlicher Jäger aussetzt.

Im ersten Bestehensjahr der Jagdschule nahmen 112 angehende Jäger an Kursen teil. Aktuell sind mehr als 80 Personen angemeldet: „Das Interesse ist groß, es sind viel mehr, als wir gedacht hatten.“ Im Theorieunterricht lernen die Jägerkandidaten Tiere. Pflanzen, Krankheiten und Fährten kennen und deuten. Sie üben das Schießen im sogenannten „Schießkino“, bei dem Schmid und ihr Mann in einem abgedunkelten Raum Wildschweine, Rehe und Hasen über eine Videoleinwand hoppeln und von den Kandidaten erschießen lassen können. Das Programm wertet den Schuss aus, berechnet Treffer und Winkel. Für Menschen, die noch nie mit einer Waffe zu tun hatten, ist das wichtig: Kein Tier soll leiden, sondern beim ersten perfekten Treffer sterben. „Darum ist es wichtig, gut zu schießen“, sagt Schmid. Sie hat erlebt, dass Frauen bei den Kursen gerne unter sich blieben, sich Sprüche von Männern ersparen wollten, wenn sie das erste Mal ein Gewehr anlegen. „Viele finden es besser, wenn ich als Frau sie korrigiere“, sagt die 32-Jährige. Bei der Jagd komme es auf die Körperhaltung an: stimme die Spannung, Rückenposition, selbst die Beinstellung nicht, könne ein Schuss danebengehen.

Julia Schmid ist täglich in ihrem Revier unterwegs. Mal mit, mal ohne pinkfarbene Waffe. Die beiden Münsterländer Ontho und Carlo sind bei reinen Rundgängen dabei. Sollte es aber auf den Hochsitz gehen, warten die Hunde im Auto. „Die würden sonst viel zu nervös, wenn sich ein Tier nähert“, sagt Schmid und streichelt Carlo, während der Rüde versucht, sich unauffällig besonders lang zu machen, um mit seiner Schnauze eine Schüssel mit Süßigkeiten zu erreichen, die auf dem Tisch der Sitzgruppe im Büro steht. An den Wänden der Geschäftsräume hängen Geweihe, und im Schulungsraum stehen präparierte Greifvögel, Füchse und andere Wildtiere. Auf eine eher angestaubte „Jagdhütten“-Optik“ hat Julia Schmid bei der Einrichtung aber bewusst verzichtet, alles ist hell, im modernen Stil möbliert. Sie verkörpert eine junge Jäger-Generation, die unterrichtet, ohne zu belehren. Der jüngste Schüler war 16, der älteste 76 Jahre alt. Aus allen Schichten und Lebenssituationen kommen Jagdinteressierte: Die März-Prüfung dieses Jahres legte eine Vegetarierin als Beste ab, berichtete sie.

Etwa ein Viertel ihrer Arbeitszeit verbringt Schmid in der Natur. Sind „fremde“ Tiere in ihrem Revier unterwegs, bemerkt es die erfahrene Jägerin sofort. „Das ist wie mein Wohnzimmer“, vergleicht sie den Wald. Und wenn zuhause jemand eine Vase verstelle, bemerke man das schließlich auch sofort. Mit der eigenen Jagdschule hat sie sich einen Traum erfüllt. Und wenn sie ganz früh aufsteht, um bei Sonnenaufgang auf dem Hochsitz zu sein, dann freut sie sich immer wieder über diese Entscheidung. „Man kommt bei der Jagd zur Ruhe, innerlich und äußerlich“, beschreibt sie die Faszination des stundenlangen Ausharrens auf dem Hochsitz. Das Handy wird auf Lautlos geschaltet oder hat ohnehin keinen Empfang. „Das ist wirklich herrlich“, sagt Julia Schmid.

www.jagdzentrum-oberberg.de