Iraker aus Radevormwald erzählt, wie er in Deutschland Busfahrer wurde

Integration in Radevormwald : Den Traum vom Busfahren verwirklicht

Im Sommer läuft das Caritas-Projekt zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt aus: Ahmad Alsady aus dem Irak erzählt eine der Erfolgsgeschichten der Beratungsstelle. Er hat seinen Wunschberuf gefunden.

In einer halben Stunde beginnt seine Schicht. Ahmad Alsady prüft gerade seinen Sitz und die Tariftabelle, er blickt durch den großen Rückspiegel in den noch leeren Bus. Und dann schleicht sich ein Strahlen auf sein Gesicht. „Das hier war mein Traum“, sagt der 34-Jährige und deutet vom Fahrersitz aus auf den Linienbus. Sein Lachen wird immer ein bisschen begleitet von einer leisen Melancholie. Die Erinnerungen und Erlebnisse, das gelegentliche Heimweh und die Gedanken an seine Eltern verschwinden nicht einfach, wenn er auf dem Fahrersitz Platz nimmt. Aber sie verlieren für einen Augenblick ihre Macht. „Ich gucke nach vorne und laufe“, sagt Ahmad Alsady. „Das ist wichtig.“ Weitergehen statt an der Vergangenheit zu zerbrechen, das ist sein Motto geworden.

Vor vier Jahren erreichte der junge Iraker Deutschland. „Das war am 1. November 2015 in Passau“, sagt er. Die Menschen hätten ihm ein „Willkommen“ zugerufen, sogar die Polizisten. Da habe er gewusst: „Hier gibt es Menschlichkeit.“ Und dann erzählt er nur ganz vorsichtig von irakischer Miliz, von Nächten, in denen Türen aufgebrochen wurden, von ständiger Angst. Ahmad Alsady sprach kein Wort Deutsch, aber Englisch und hatte einen Wunsch: „Ich wollte Busfahrer werden. Einfach leben.“ Und weil er ahnte, dass dafür vor allem die neue Sprache ausschlaggebend sein würde, hängte er sich kurz nach der Ankunft in Radevormwald im Dezember 2015 richtig rein und paukte in jeder freien Minute Grammatik und Vokabeln. „Am schwierigsten war es damals, das Wort ‚Radevormwald‘ auszusprechen“, sagt er heute lachend.

Dann knüpfte er Kontakt zur Caritas. Dort gebe es ein Programm, das beim Einstieg in den Arbeitsmarkt helfe, hatte man ihm erklärt. Und dort traf er auf Susanne Pfeiffer. Weil er im Irak bei der Bahn gearbeitet habe, sah sie seine Zukunft eher bei den Zügen. „Aber ich wusste: Ich will Busfahrer werden“, sagt er wieder und ist dankbar für die Unterstützung bei Anträgen und Bewerbung, die er bei der Caritas bekam.

Heute ist sein Deutsch fast fließend. Im vergangenen Herbst hat er eine Ausbildungsstelle beim Omnibusbetrieb „Der Radevormwalder“ bekommen. Und im Februar hat er die Führerscheinprüfung mit Bestnoten bestanden und darf nun Bus fahren. „Ich wollte nicht mit einer Maschine an einem Laufband arbeiten“, sagt er, „sondern Menschen begegnen.“ Und weil er immer gewusst habe, dass dieser Beruf einfach zu ihm passe, sei er den Weg so entschieden gegangen. Neben dem Blockunterricht in der Berufsschule, an dem Ahmed Alsady gerne teilnimmt, fährt er in der übrigen Zeit seiner Ausbildung den Linienbus – mal nach Grunewald, dann nach Hückeswagen, Oberbarmen oder Lennep. „Ich habe ganz oft zugeguckt“, sagt er lachend und deutet auf die erste Bank hinter dem Fahrer. „Da habe ich gesessen und genau hingesehen, was ein Busfahrer alles macht“, sagt er. So habe er auch die Linien und Haltestelle geübt. „Gerade lerne ich das Tarifsystem“, sagt er und erinnert an die besondere Lage im Grenzgebiet von VRR und VRS. Hier ist der gebürtige Iraker in seinem Element, das merken Fahrgäste schnell. „Wenn ich morgens aufstehe, erwarten mich hier die Fahrgäste“, sagt er, „das verändert viel.“

Und deswegen will er die Menschen ermutigen – mit und ohne Fluchtgeschichte. „Ich weiß, wie sich Rückschläge anfühlen“, sagt er. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er kämpft darum, bleiben zu dürfen. Immer wieder schleichen sich Bilder aus dem Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer in seinen Kopf. Und auch der Umzug in eine eigene kleine Wohnung war mit Hürden gepflastert.

„Aber es ist wichtig, die Zukunft im Blick zu behalten und nicht immer zurückzusehen“, sagt er und dann beginnt seine Schicht. Konzentriert fährt er los. „Jetzt helfe ich den Menschen, ihr Ziel zu erreichen“, sagt er noch. Und einer wie Ahmad Alsady weiß, was das bedeutet.