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Interview mit Radevormwalds neuem Kämmerer: "Reserven gibt es immer"

Designierter Kämmerer : „Im Haushalt gibt es immer gewisse Reserven“

Der 39-Jährige aus Ennepetal spricht über Steuererhöhungen und seine Erfahrungen mit der Sanierung maroder Stadtfinanzen. In Marienheide hatte er als Kämmerer mit ähnlich schwierigen Voraussetzungen zu tun. Seine Vorgehensweise: sorgfältig die Lage analysieren.

Herr Woywod, nach Ihrer Wahl stand noch nicht fest, ob Sie das neue Amt im Juli oder im August antreten. Steht dies nun fest?

Simon Woywod Ja. Ich werde im August beginnen.

Sie verfolgen sicher die aktuelle Diskussion in der Politik über Steuererhöhungen oder über eine Ein-Prozent-Lösung.

Woywod Die Ein-Prozent-Lösung ist als Mittel vom Gesetzgeber ermöglicht worden, aber man muss sehen, ob sie in der jeweiligen Situation praktikabel ist. Ich bin grundsätzlich ein Freund sorgfältiger Analyse, es gibt im Haushalt bestimmt noch Steine, die man umdrehen kann.

Demnach gibt es also noch Einsparpotenzial?

Woywod Meiner Erfahrung nach gibt es immer gewisse Reserven.

Wie beurteilen Sie den Offenen Brief der Unternehmen, in dem die Steuererhöhungen kritisiert werden?

Woywod Die Unternehmer möchten auf ihre Probleme aufmerksam machen, das ist verständlich. Allerdings sind sie im Moment noch nicht von den Steuererhöhungen tangiert, diese werden erst im kommenden Jahr wirksam. Ich denke es ist wichtig, im laufenden Jahr die Situation sorgfältig zu analysieren und dann eine Entscheidung für 2021 und die Folgejahre zu treffen. Steuererhöhungen sollten immer nur die letzte Möglichkeit darstellen, nicht nur in der Corona-Krise. Generell bin ich der Meinung, dass die Verwaltung und die Wirtschaftsförderung nah an den Unternehmen sein müssen, um die Situationen der Unternehmer gut einschätzen zu können und mögliche Veränderungen bei der Gewerbesteuer voraussehen und sofern erforderlich gegensteuern zu können.

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Sie haben in den vergangenen Jahren in Marienheide daran gearbeitet, einen desolaten Haushalt wieder auf Kurs zu bringen. Mussten dabei auch unpopuläre Entscheidungen gefällt werden?

Woywod Zum Teil, ja. Beispielsweise hat die Verwaltung die Parkraumbewirtschaftung eingeführt, ebenso eine Hallennutzungsgebühr für Sportvereine. Beides war natürlich überhaupt nicht populär. Die Hallengebühr hat sich dann am Ende als sehr aufwendig herausgestellt. Beide Maßnahmen sehe ich nicht als probates Mittel für Radevormwald.

Wie haben Sie mit der Politik in Marienheide zusammengearbeitet? Geht es dort in den Gremien ähnlich kontrovers zu wie in Radevormwald?

Woywod Vor einigen Jahren gab es ein kontroverses Bürgerbegehren, das hat Marienheide auch überregional in die Presse gebracht. Zuletzt, kann ich sagen, haben wir es als Verwaltung geschafft, die Politik weitgehend hinter uns zu versammeln. Der Haushalt 2020 ist sogar einstimmig verabschiedet worden.

In Rade ist eine solche Einheit aktuell kaum denkbar.

Woywod Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, dass diese Themen ausführlich diskutiert werden. Aber irgendwann muss man auch zu Ergebnissen kommen, einen Kompromiss finden. Es muss nicht immer den großen Showdown im Rat geben, man kann sich auch vorher verständigen.

Sehen Sie in Ihrer Zugehörigkeit zu einer politischen Partei eigentlich ein Problem bei der Führung Ihres Amtes?

Woywod Ich bin Mitglied der CDU im Kreis Ennepe-Ruhr. Aber schon bei meiner Vorstellung im Rat habe ich klar gemacht, dass ich mein Amt nicht in einem parteipolitischen Sinn führen werde. Ich möchte das Beste für diese Stadt und ihre Bürger erreichen. Genauso habe ich es auch in Marienheide gehalten.

Sie wohnen in Ennepetal, das heißt, ihr Weg zu Arbeit dürfte nun deutlich kürzer werden.

Woywod Ja, deutlich kürzer. Ich brauche von Milspe bis Radevormwald etwa eine Viertelstunde. Nach Marienheide sind es mindestens 40 Minuten, je nach Verkehr oder Jahreszeit auch mal eine Stunde.

Wie ist Ihr Eindruck von Radevormwald?

Woywod Nun, ich kenne die Stadt von Ausflügen, beispielsweise war ich früher im hiesigen Kino, das ist ja Kult. Mit der Familie waren wir auch schon im „life-ness“. Was mir an dieser Stadt gefällt, ist, dass es hier wirklich einen Stadtkern gibt, mit einem Marktplatz und eine Fußgängerzone. In Ennepetal, das eine andere Geschichte hat, gibt es nichts Vergleichbares. So ein Zentrum muss eben historisch wachsen.

Trotz der Probleme, die der Haushalt aktuell mit sich bringt, klingen Sie sehr zuversichtlich.

Woywod Ich begreife diese Aufgabe als eine spannende Herausforderung. Und ich bin sicher, es gibt noch einige Steine, die man umdrehen kann.