Sinfonische Orchestertage in Radevormwald Musikliebe verbindet hier die Generationen

Radevormwald · Mehr als 60 leidenschaftliche Musiker aus ganz Deutschland haben sich erneut in Radevormwald in der Bergstadt eingefunden. Darunter Steffi Bäumer-Enzer (79) und Jonathan Still (13), die älteste und der jüngste Teilnehmer dieser besonderen musikalischen Freizeit.

Jonathan Still (13) aus Radevormwald ist zum ersten Mal bei den Orchestertagen dabei und spielt Schlagzeug. Steffi Bäumer-Enzen (79) spielt Violine.

Jonathan Still (13) aus Radevormwald ist zum ersten Mal bei den Orchestertagen dabei und spielt Schlagzeug. Steffi Bäumer-Enzen (79) spielt Violine.

Foto: Jürgen Moll

Als junges Mädchen lernte Steffi Bäumer-Enzer einst ihr Instrument. Doch für lange Zeit danach blieb ihre geliebte Geige unberührt. Erst vor 20 Jahren entdeckte die heute 79-Jährige erneut ihre Liebe zur Violine und startete noch einmal komplett neu. „Es ist eine große Leidenschaft. Die Geige ist für mich ein weiterer Körperteil“, beschreibt sie ihren zweiten Frühling mit ihrem Instrument. In Billerbeck bei Coesfeld besucht sie ihre regelmäßigen Übungsstunden in der dortigen Musikschule und musiziert mittlerweile auch in verschiedenen Ensembles mit. So lernte sie vor einigen Jahren auch die Coesfelder Orchestertage kennen, Vorgänger der Sinfonischen Orchestertage in Radevormwald, die aus dem Coesfelder Modell resultierten und 2022 ins Leben gerufen wurden.

„Drei Mal habe ich bei den Coesfelder Orchestertagen mitgemacht. In Radevormwald bin ich jetzt zum zweiten Mal dabei“, verrät Bäumer-Enzer. Warum? „Aus drei Gründen“, sagt sie. „Ich komme gerne, wegen der wunderbaren Gemeinschaft. Man freut sich, die Leute wiederzusehen und miteinander zu musizieren.“ Außerdem, schwärmt Bäumer-Enzer, „ist das Programm immer wieder schön.“ Und schließlich, sagt die Geigerin, „obwohl es sehr intensive Probetage von gut acht bis zehn Stunden pro Tag sind, fühlt man sich danach einfach glücklich“

Seit Donnerstag hat sich die 79-Jährige für vier Tage mit insgesamt mehr als 60 weiteren Musikern aus ganz Deutschland im Sport- und Seminarcenter an der Jahnstraße einquartiert, um gemeinsam über Pfingsten für ihr anstehendes Konzert am Montagabend im Bürgerhaus zu proben. Eine außergewöhnliche Freizeit für Hobby- und Profi-Musiker. Denn Spaß und Freude steht bei allen Teilnehmern weit oben, dabei ist dieses Treffen mit jeder Menge intensiver Arbeit verbunden. Sowohl im Vorfeld als auch mittendrin. Denn lange vor ihrem persönlichen Treffen erhalten die Teilnehmer die Noten der Stücke zugeschickt, um sie auf ihren Instrumenten einzustudieren.

Die gemeinsamen Tage sind geprägt von sehr intensiven Proben. Bereits kurz nach ihrer Anreise am Donnerstag fanden sich die Musiker nur Augenblicke später in der Sporthalle wieder, um erste Proben durchzuführen. Bis zum Konzert am Montag um 18 Uhr im Bürgerhaus werden sie täglich acht bis zehn Stunden an ihrem Instrument und den insgesamt drei anspruchsvollen Werken arbeiten, die Dirigent Desar Sulejmani für das diesjährige Konzert ausgewählt hat. Die Musiker werden in kürzester Zeit zu einem Orchester zusammenwachsen.

Trotz der intensiven Arbeit herrscht bei den Proben nicht nur Konzentration. Hin und wieder ist auch Zeit für einen humorvollen Moment, besonders dann, wenn das Orchester in den Ohren ihres Dirigenten überhaupt nicht gut klingt und kurzerhand umgestellt werden muss. In einer Passage etwa zuckt Sulejmani kurz zusammen und richtet sich an die Schlagwerker. „Ihr habt viel Stress, ich weiß“, sagt der Dirigent. „Soll ich schneller spielen?“, fragt einer der Musiker verdutzt. „Nee, aber im richtigen Rhythmus wäre schon gut.“ Die Gruppe lacht kurz. Auch der angesprochene Musiker kann sich sein Lachen nicht verkneifen. Doch im nächsten Moment sind schon wieder alle hoch konzentriert bei der Sache.

Für Jonathan Still ist all das völliges Neuland. Der 13-jährige Radevormwalder macht zum ersten Mal bei den Sinfonischen Orchestertagen mit und ist mit Abstand der Jüngste im „Pop-up“-Orchester. Seit etwas über fünf Jahren ist er in der Radevormwalder Musikschule bei Vera Seedorf im Schlagzeugunterricht. Seine Lehrerin, erzählt Still, hätte ihn auch auf die Orchestertage aufmerksam gemacht. Der 13-Jährige fühlt sich wohl unter den vielen unterschiedlichen Musikerkollegen, auch wenn nahezu alle mindestens doppelt so alt sind wie er. „Ich finde es schon sehr spannend, weil man hier mehr Möglichkeiten hat“, sagt Still. In der Musikschule bearbeitet er regelmäßig sein Schlagzeug. Doch als Perkussionist in einem Orchester bedient er auch andere Instrumente, mal eine Trommel oder eine Triangel oder sonstiges Equipment eines Schlagwerkers. „Ich wusste nicht genau, worauf ich mich einlasse, aber ich freue mich sehr, auch auf das Konzert.“

Für Bäumer-Enzer, die natürlich schon mehr Erfahrung mitbringt, sind die Sinfonischen Orchestertage intensiv, aber bereichernd. „Nach den Tagen und wenn das Konzert vorbei und gut gelungen ist, bin ich unbeschreiblich glücklich, auch etwas traurig, weil es wieder vorbei ist.“ Der einzige Wermutstropfen sei die lange Zeit zwischen den Orchestertagen. „Nach einem Konzert muss man 365 Tage warten, bis man sich wieder trifft.“

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