Radevormwald: Im Tal der Wupper vor 100 Jahren

Radevormwald: Im Tal der Wupper vor 100 Jahren

Der Bergische Geschichtsverein Abteilung Radevormwald hatte zu einem Vortrag über die Revolution nach dem Kriegsende 1918 an der Wupper eingeladen. Reiner Rhefus referierte über die Zeit des großen Umbruchs.

Die alten Karten mit Gebieten entlang der Wupper sowie mit Großteilen Deutschlands in der Zeit des ersten Weltkrieges wurden mit erkennbarer Andacht im Mehrzweckraum des Bürgerhauses betrachtet. Etwa 25 Mitglieder und Gäste waren zu einer Reise in die Zeit vor genau hundert Jahren aufgebrochen, dessen Reiseführer Reiner Rhefus vom Bergischen Geschichtsverein Abteilung Wuppertal war.

"Ich beschäftige mich mit der Thematik schon rund 20 Jahre", erzählte er. Als Mitarbeiter des Historischen Zentrums Wuppertal mit den Schwerpunkten des Museums für Frühindustrialisierung sowie des Engelshauses habe er stets den guten Fundus im großen Stadtarchiv nutzen können. "Ich verbringe gut 50 Prozent meiner Freizeit mit Recherchen und dem Schreiben", erklärte Rhefus. "Ich mache das sehr gerne. Die Arbeit ist sehr spannend und die Thematik dazu äußerst vielfältig", äußerte er.

Mit den Abbildungen der alten Karten vermittelte er die verschiedenen Strukturen vereinzelter Gebiete. So konnten die Betrachter die sozialdemokratische Entwicklung der Arbeiterbewegung in Barmen und Elberfeld und später auch in Remscheid und Solingen erkennen. "Dort waren die Hochburgen der 1863 ADAV (Allgemeine Deutsche Arbeiterverein), der Vorreiter der späteren SPD", so Rhefus. Er erklärte die Legalisierung 1890 der sozialdemokratischen Partei, die sich schließlich über Kleve und Osnabrück bis hin nach Saarbrücken hinzog. Rhefus erzählte von der Entwicklung des Wahlrechtes jener Zeit. "Nur Männer ab 23 Jahren waren wahlberechtigt", so der Referent. Er nannte als Beispiel die Bevölkerung des späteren Wuppertals mit seinen 68.000 Einwohnern. Davon seien damals nur 22.000 wahlberechtigt gewesen, und dies in einem Drei-Klassen-System. "Das war damals eine sehr große Ungerechtigkeit. 200 Wähler hatten Direktmandate und wählten in der ersten Klasse. 200 folgten in der Klasse zwei und die restlichen Wähler in Klasse drei", so das Ergebnis seiner Forschungsarbeit. Die Macht lag in den Großfamilien.

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Erst die Revolution brachte ein gerechteres Wahlsystem. Frauen durften wählen, Volksentscheide konnten ausgerufen werden. Es gab ein Parlament mit Untersuchungsausschüssen sowie ein Staatsgerichtshof. Die Arbeitslosenversicherung entstand, Volkshochschulen wurden gegründet. Um dort hinzukommen, musste vorrangig die Jugend mobilisiert werden, die bis dahin mit Ausgrabungen von Schützengräben beschäftigt war. Der Referent berichtete von der unruhigen Zeit des Wandels mit großen Versammlungen. Er zeigte alte Fotos mit tausenden Menschen, die gegen den Rüstungswahn 1912 protestierten sowie wie auch Versammlungen der Friedensbewegungen. Das Wirken von Friedrich Ebert, später Reichspräsident, war ebenso ein Thema wie auch das des Widerstandskämpfers Willi Spicher, der lange Zeit in Radevormwald lebte. "Es ist wichtig, dass die alten großen Namen nicht in Vergessenheit geraten", so Rhefus. Nur einige Straßennamen in Wuppertal erinnern an die damaligen großen und kämpferischen Politiker. Dies sei schlicht zu wenig.

Rhefus schreibt derzeit an einem Buch über die Zeit der Novemberrevolution und damit verbundenem Kriegsende. Das Werk, dessen Auszüge punktuell die Ereignisse und Konflikte jener Zeit widerspiegeln, soll im November erscheinen.

(sig)