Ansichtssache: Braucht Radevormwald wirklich mehr Polizeibeamte?

Ansichtssache : Braucht Radevormwald wirklich mehr Polizeibeamte?

Der Bürgermeister von Radevormwald bittet den Innenminister um mehr Polizeipräsenz. Dabei zeigt die Statistik keinen Anstieg der Kriminalität. Doch es geht dabei um mehr: um verlorenes Vertrauen in den Schutz der Bürger.

Diesen Alptraum will niemand erleben: Unbekannte mit Sturmhauben überfallen ein Geschäft, fesseln und bedrohen drei Mitarbeiterinnen mit Schusswaffen und stehlen schließlich die Tageseinnahmen. Dieser Raub, der Ende März in Radevormwald geschah, hat für Aufsehen gesorgt, weil die Täter so kaltschnäuzig und rücksichtslos vorgingen. Der Bürgermeister hat sich entschieden, einen Brief an den Innenminister des Landes zu schreiben. Der Tenor: Die Menschen in Rade fühlen sich verunsichert. Sie möchten mehr Präsenz der Polizei, mehr Wachsamkeit der Sicherheitskräfte, damit solche Verbrecher keine Chance haben.

Es ist schon erstaunlich, wie sich die Einstellung gegenüber der Polizei in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. In den 1980ern, ich erinnere mich noch, sprach man oft abfällig von den Uniformierten, befürchtete gar einen "Polizeistaat", in dem die Staatsorgane zu viel zu sagen hätten. So mancher ergraute Polizeigegner von damals ist heute heilfroh, wenn der Dorfsheriff in der Einfamiliensiedlung patrouilliert. So ändern sich die Zeiten.

Vor einigen Jahren noch trafen die Bürger ihre Beschützer in Uniform hauptsächlich bei den Blitzermarathons. Natürlich war es gut, dass manche Raser aus dem Verkehr gezogen wurden. Aber während das Personal der Polizeiwachen öffentlichkeitswirksam rund um die Uhr am Radargerät stand, räumten derweil höchst professionelle Einbrecherbanden in NRW eine Wohnung nach der anderen aus. Das hat sich inzwischen geändert, die Polizei im Lande kann beim Kampf gegen diese Banden auf bemerkenswerte Erfolge verweisen. Ein Witzbold könnte freilich anmerken, viel zu stehlen sei in den Wohnungen ohnehin nicht mehr übrig geblieben.

Bürgermeister Johannes Mans hat in seinem Schreiben an den Innenminister mit Bedacht das Wort "subjektiv" verwendet. Denn der Adressat könnte einwenden, die Polizeistatistik zeige kein Ansteigen der Kriminalität. Tatsächlich kann von einer Welle der Verbrechen in Radevormwald nicht die Rede sein. Worauf der Bürgermeister hinaus will, ist dies: Die Politik muss beim Thema Polizei Vertrauen zurückgewinnen. Dieses Vertrauen geht verloren, wenn Kriminelle quasi unter den Augen der Sicherheitskräfte operieren, wie es in Großstädten an Rhein und Ruhr längere Zeit der Fall war. Mit Radevormwald hat das nur indirekt zu tun, aber im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien werden Pannen und Ungereimtheiten bei der Verfolgung von Verbrechern rasch geteilt und kommentiert. Und hier können wir Bürger selber etwas gegen die Angst tun. Vieles wird im Netz aufgebauscht, dramatisiert oder einfach mal rausgehauen, ohne zu überprüfen, ob es wirklich stimmt. Gerne wird auf die echte oder nur vermutete ausländische Herkunft von Tätern verwiesen. Rückt die Polizei Tatsachen gerade, wird gern behauptet, sie wolle vertuschen oder beschönigen. Interessierte Gruppen schüren so Angst. Angst führt Menschen zu irrationalem Verhalten. Angst führt in die Arme angeblicher Beschützer. Und wenn sich diese Arme wie ein Schraubstock schließen, ist es zu spät. In machen osteuropäischen Ländern ist es schon zu beobachten.

Wenn Nachrichten oder "Fake News" auf uns einstürzen, sollten wir uns einen nüchternen Moment gönnen und an die Zahlen der Polizeistatistik denken. Und einfach mal durchatmen.

(s-g)