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Auf den Spuren der Textilgeschichte in Radevormwald

Unterwegs an der Wupper in Radevormwald : Auf den Spuren der Textilgeschichte

Entlang der Wupper können Interessierte die Industriegeschichte von Rade entdecken. Ein Spaziergang durch eine andere Zeit.

Das Gebot der Stunde lautet „Social Distancing“. Das Kontaktverbot läuft mittlerweile seit mehr als einer Woche – und in dieser Zeit sind Spaziergänge an der frischen Luft der Höhepunkt eines jeden Tages. Obwohl ich sowieso täglich draußen in der Natur bin und die Schönheit des Bergischen Landes genieße, habe auch ich über die Kraft von Spaziergängen nachgedacht. Wer alleine oder zu zweit wandert, kann den Gedanken freien Lauf lassen und sich die Zeit dafür nehmen, neue Facetten der altbekannten Heimat zu entdecken. Beim heutigen Spaziergang folge ich den Spuren der Textilgeschichte, die Spaziergänger und Wanderer entlang der Wupper erleben können. Der Spaziergang beginnt an der Wupperaue. Wer mit dem Auto in die Wupperorte kommt, kann am Wuppermarkt parken und den Parkplatz dann die Wupper aufwärts verlassen.

An der Wupperaue ist es jetzt, am späten Nachmittag, warm. Ich blinzle in die hoch stehende Sonne und komme an der Feen-Insel vorbei. Dort, auf der Insel mitten in der Wupper, soll vor vielen Jahrhunderten eine Fee in Begleitung eines strohgoldenen Wolfes gelebt haben. Wer weiß, vielleicht sind die beiden immer noch hier, an diesem besonderen Ort. Daran zu glauben ist in diesen turbulenten Zeiten ein beruhigender Gedanke. Kitsch spendet Trost. An der Wupperaue denke ich außerdem an die Opfer des Zugunglücks von 1971 und an die des Busunglücks von 2009. Ich lasse die Wupperaue hinter mir und laufe die Hardtstraße hoch. Auf der Brücke kurz vor dem Viadukt bleibe ich stehen. Von hier aus kann man nicht nur wunderbar auf den Flussverlauf blicken, sondern auch auf die ehemalige Fabrik „Hardt, Pocorny & Co“, die in Dahlhausen steht. Die Streichgarnspinnerei wurde in der ehemaligen Tuchfabrik der Familie Bauendahl eingerichtet, die zuerst die Wasserkraft der Wupper für sich nutzte. Das Wasserkraftwerk kann mehrmals im Jahr besichtigt werden. Bis zum Mitte der 1970er Jahre wurde in diesem gewaltigen Bauwerk produziert. Danach verfiel die Fabrik in ihren immer noch anhaltenden Dornröschenschlaf.

Auf der Brücke kurz vor dem Viadukt blickt man auf die ehemalige Fabrik Schürmann & Schröder in Dahlhausen. Foto: Flora Treiber

Auf der Höhe der alten Bahngleise angekommen, laufe ich an dem historischen Bahnhof Dahlhausen vorbei. Die alten Züge des Vereins Wupperschiene stehen still. Jetzt geht es bergab, Wupper abwärts. Ich laufe auf dem Tuchmacherweg weiter. Rechts von mir eröffnet sich der Blick ins Tal. Im Sommer, wenn die Bäume in ihrer vollen Pracht sind, kann man den Wuppermarkt und die ehemalige Fabrik „Schürmann & Schröder“ hinter der grünen Wand nur erahnen. Von hier oben sehen die Menschen, die gerade einkaufen, winzig klein aus. In der Fabrik, in der Tuchmacherdynastien die maschinengetriebene Textilproduktion vorantrieben, wird jetzt gewohnt. Die Überbleibsel der Stauanlage der Volltuchfabrik sind immer noch zu erkennen. Die Ortschaft Vogelsmühle wird von der nachmittäglichen Sonne angestrahlt, die Arbeiterhäuser und das Herrenhaus der Textilfabrik sehen gemütlich aus.

Über die sogenannte Kinderwagenchaussee spaziere ich durch den Wald. Der Spielplatz, der direkt am Wald-Wasser-Wolle-Wanderweg liegt, ist wegen der Corona-Krise geschlossen. Zu meiner Rechten kann ich auf die Kirche der evangelischen Kirchengemeinde gucken, zu meiner Linken entdecke ich einen alten Steinbruch. Hier haben starke Männer Naturstein gebrochen, um die typisch bergischen Schieferhäuser und massive Industriegebäude zu errichten, wie ich sie vor einigen Minuten gesehen habe. Ein weiteres Puzzlestück, das mich die Entstehungsgeschichte der Bauwerke und Ortschaften besser verstehen lässt.

In Dahlerau entdecken Spaziergänger und Wanderer das imposante Stauwehr. Foto: Flora Treiber

In der Ortschaft Dahlerau gucke ich mir das imposante Stauwehr sowie den alten Bahnhof an. Ich folge der Wülfingstraße weiter und stehe nach einigen Minuten vor der Fabrik „Johann Wülfing & Sohn“. Ich kann es kaum abwarten, bis das Wülfingmuseum wieder geöffnet ist und an diesem Ort wieder gesellschaftliches und kulturelles Leben entsteht. Hinter der Wülfing-Fabrik gehe ich wieder über die Wupper. Jetzt geht es steil bergauf Richtung Grunewald – und von dort aus zurück nach Vogelsmühle.