Zwischen Liebe und Ehe

Zwischen Liebe und Ehe

Neuss. Geboren in einem Leuchtturm, auf der Schwelle zwischen dem sicheren Land und dem unermesslichen Meer ist Ellida, die Hauptfigur aus dem Schauspiel "Die Frau vom Meer", das der Norweger Henrik Ibsen 1888 schrieb und das 1889 in Weimar uraufgeführt wurde. Dessen Kernthema ist die innere Zerrissenheit Ellidas zwischen Liebe und Ehe, dem "Sog des Meeres" und dem Leben im sicheren Hafen.

Verheiratet mit dem Bezirksarzt Doktor Wangel, steht Ellida unter dem verstörenden Einfluss eines fremden Seemanns, dem sie lange vor ihrer Ehe begegnete, der sie verließ und auf den sie nicht wartete. Um die befreiende Entscheidung zwischen Sehnsucht und Leben schrieb Ibsen ein komplexes Stück, das von seinen Zeitgenossen nicht recht gewürdigt, stattdessen hohnvoll parodiert wurde in einem Stück mit dem Titel "Die Frau von Mehreren.

Psychiatrisch-atavistisch-bigamisch-metaphysisch-maritimes Ur-Schauspiel in fünf Abteilungen für Unheilbare, nach Henrik Ibsen." Wofür solch lästerliche Rezipienten blind blieben, nämlich den genauen, subtilen Verlauf der inneren Entwicklung Ellidas, dafür fand die vielseitige Mettmanner Künstlerin Irmel Droese am Freitag im Kulturforum Alte Post starken und eigenwilligen Ausdruck. Bei der Premiere ihrer Auseinandersetzung mit Ibsens Frauenfigur unter dem Titel "Ellida - Die Frau vom Meer" gelang es Droese, die innere Entwicklung Ellidas in ausdrucksstarke Körpersprache umzusetzen.

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Komprimiert auf wesentliche Elemente der Geschichte Ellidas zeigte sie in meerfarbenem Blaugrün den existenziellen Konflikt und dessen versöhnliches Ende. Mit gezielten Stimmimprovisationen entfaltete sie die Welt Ellidas zwischen Meeresrauschen und Möwenschrei. Vom Schwimmausflug Ellidas - im "brackigen, krankmachenden Fjordwasser", zwischen Leben und Tod und so weit entfernt vom frischen Meer wie die halbtote, verirrte Meerjungfrau, um die es zu Beginn des Stückes geht, bis zur Ankunft des fremden Seemanns, erzählte Droese die Geschichte ruhig, klar und mit karger Ausstattung.

Gerade in dieser Beschränkung auf weniges aber gelangen ihr überzeugende Bilder: die Begegnung Ellidas mit dem Fremden, dem Geliebten, der zugleich ihre bürgerliche Existenz bedrohlich überschattet, gestaltet sie als Begegnung mit dem eigenen Schatten - so erweist sich das fremde Objekt der Sehnsucht buchstäblich als Ergebnis eines Projektprozesses, in dem nicht Fremdes, sondern fremde Seiten des Ichs begegnen. Mit einfach hervorragender Bühnenpräsenz begeisterte Irmel Droese ihr Publikum. Originell und oft völlig überraschend war die expressive Bildlichkeit, die in ihrer experimentellen Auseinandersetzung mit Ibsens "Ellida"-Figur gelang: großer Applaus für eine ganz und gar außergewöhnliche Premiere. KaTse

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