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Neuss: Zur Arbeit in Neuss gezwungen

Neuss : Zur Arbeit in Neuss gezwungen

Ein Mahnmal an der neu gestalteten Hafenmole erinnert an die in Neuss zwischen 1939 und 1945 eingesetzten Zwangsarbeiter. Vor allem sowjetische Kriegsgefangene und "Ostarbeiter" wurden Opfer eines unmenschlichen Systems.

Seit Freitag erinnert eine Stele mit Gedenktafel an die in Neuss zwischen 1939 und 1945 eingesetzten Zwangsarbeiter. Das Mahnmal an der neu gestalteten Hafenmole gestaltete der Neusser Künstler Nils Kemmerling. Bereits im Jahre 2008 hatten Kulturausschuss und Stadtrat die Errichtung der Stele beschlossen, doch die Vorgeschichte des Mahnmales reicht bis in das Jahr 1999 zurück.

Als am Ende der 1990er Jahre in der Bundesrepublik eine heftige und zum Teil kontrovers geführte Diskussion um die Entschädigungsforderungen von ehemaligen Zwangsarbeitern in der Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches begann, wollte man sich auch in Neuss der Aufarbeitung des Themas nicht entziehen. Am 17. Dezember 1999 beschloss der Rat, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern in Neuss erforschen zu lassen. Damit sollte eine große Lücke in der lokalen Zeitgeschichtsschreibung geschlossen werden. Fünf Jahre später legten die Historiker Andrea Niewerth und Christoph Roolf die Ergebnisse ihrer Arbeit vor.

In ihrem Buch "Zwangsarbeit in Neuss während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945)", erschienen in der Dokumentationen-Reihe des Stadtarchivs Neuss, wird zum ersten Mal das gesamte Ausmaß der Zwangsarbeit in Neuss deutlich: Ein dunkles und lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängtes Kapitel der Neusser Wirtschaftsgeschichte, das jedoch differenziert betrachtet werden muss.

Nach neueren Schätzungen wurden zwischen 1939 und 1945 rund 13 Millionen ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus 18 Ländern zur Arbeit im Deutschen Reich gezwungen. Diese von den Verantwortlichen beschönigend "Arbeitseinsatz" genannte Maßnahme stellte nichts anderes als eine moderne Form der Sklaverei dar. Wie in den übrigen Städten und Kommunen des Deutschen Reiches wurden auch in Neuss mehr und mehr ausländische Arbeiter verpflichtet, um dem seit Kriegsbeginn im September 1939 stetig steigenden Arbeitskräftemangel zu begegnen.

Insgesamt sind in Neuss zwischen 1940 und 1945 rund 10 000 Menschen zur Arbeit gezwungen worden. Der größte Teil von ihnen arbeitete in der privaten Wirtschaft, beispielsweise in Rüstungsbetrieben wie der International Harvester Company mbH (IHC) oder der Schraubenfabrik Bauer & Schaurte. Hinzu kamen Bereiche wie Handwerk und Landwirtschaft, und sogar die Stadt selbst beschäftigte "Fremdarbeiter" und Kriegsgefangene in den Hafenbetrieben, den Stadtwerken und im Städtischen Krankenhaus an der Preußenstraße.

Für die "fremdvölkischen" Arbeitskräfte galten eine umfassende Sondergesetzgebung und ein Repressalien-System, dass sie unter harter Kontrolle halten sollte. In den Kriegsjahren 1939 bis 1945 wurden rund 1400 Gesetze erlassen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen von Ausländern regelten. Dabei galt innerhalb des Systems der Zwangsarbeit eine strenge rassistische Hierarchie: Eine vergleichsweise humane Behandlung erfuhren die Angehörigen der "germanischen Nachbarvölker" – Niederländer, Skandinavier oder Engländer. Diesen nachgeordnet waren Franzosen, Belgier oder Spanier. Beide Gruppen standen meistens in einem den Deutschen ähnlichen Arbeitsverhältnis, konnten jedoch nicht von sich aus das Arbeitsverhältnis lösen.

Im Gegensatz zu den Westeuropäern galten die sowjetischen Kriegsgefangenen und die "Ostarbeiter" als Menschen zweiter Klasse. Sie wurden wie Sklaven gehalten und waren vollkommen rechtlos. Sie lebten ausnahmslos in Lagern, hatten längere Arbeitszeiten, wurden schlechter ernährt und erhielten nur einen Bruchteil des Lohns anderer Arbeiter. Dies war einer der Gründe, warum vor allem große Betriebe hauptsächlich "Ostarbeiter" beschäftigten. So zum Beispiel eines der größten Neusser Unternehmen, der Rüstungsbetrieb IHC. Nach den überlieferten Listen arbeiteten mehr als 2800 Menschen in den Hallen der IHC am Hafen, 60 Prozent davon waren "Ostarbeiter" aus Polen und der Ukraine. Hinzu kamen viele französische Kriegsgefangene und belgische Zivilarbeiter, die vor 1942 freiwillig nach Neuss gekommen waren.

Die ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen lebten in Lagern, die über das ganze Stadtgebiet verteilt waren. Dienten anfangs noch Schulen, Hotels und Gaststätten als Unterkünfte, so wurden ab 1941 vermehrt Barackenlager errichtet, die mit geringem finanziellem Aufwand gebaut werden konnten, und eine Trennung der "Fremdvölkischen" von den Einheimischen und gründliche Kontrolle der Arbeiter gewährleisteten. Die Zwangsarbeiterlager befanden sich zumeist auf freien Grundstücken, Sportplätzen oder, wenn es betriebseigene Lager waren, auf den Werksgeländen der Unternehmen. Insgesamt gab es in Neuss ein Netz aus mehr als 80 Lagern, die für jedermann sichtbar waren.

Die Zwangsarbeiter lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Hinzu kam die unzureichende Ernährung, die die langen Arbeitszeiten und schweren Arbeiten zu einer Tortur werden ließen. Wegen der schlechten Ernährung waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter besonders anfällig für Infektionskrankheiten wie Typhus, Fleckfieber und Tuberkulose.

Eine besondere Gefahr stellten von 1942 an auch die immer zahlreicher werdenden Luftangriffe der Alliierten dar, die sich vor allem gegen die Industriegelände richteten, auf denen sich auch Zwangsarbeiterlager befanden. Neuss besaß zwar sieben Bunker und viele öffentliche Luftschutzräume, doch "Ostarbeiter" und Kriegsgefangene durften diese nicht betreten. Ihnen blieb nur der notdürftige Schutz der Splitterschutzgräben. Wie viele Zwangsarbeiter in Neuss bei Luftangriffen ums Leben gekommen sind, lässt sich nicht genau beziffern. Auf dem Hauptfriedhof sind jedoch 341 aus der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei deportierte Männer, Frauen und Kinder begraben, die während der Bombardierungen von Fabriken und Lagern gestorben sind.

(NGZ)