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Zum ersten Mal spielt RLT-Schauspieler Stefan Schleue ein Solo in Neuss

RLT Neuss : Ein Solo für Stefan Schleue

Zum ersten Mal spielt der RLT-Schauspieler allein in einem Stück. Dabei hat er nicht einmal eine Bühne und muss Zuschauer als Mitspieler gewinnen.

Komödien gehören nicht zu seiner Kernkompetenz. Sagt Stefan Schleue. Aber „All das Schöne“ ist auch keine richtige Komödie. Zu ernst ist das Thema, es geht um Depression, erzählt vom Leben und den Gedanken eines Menschen, der schon als Kind die Suizidversuche der Mutter erlebt und mit einer Liste von Dingen, die das Leben lebenswert machen, dagegen hält. Eine Million Gründe gibt es, so stellt sich am Ende heraus, der Erzähler ist in dieser Zeit älter geworden und hat viel Leben erfahren. So viel, dass er die Liste immer wieder hervorkramte und vor allen Dingen erweitert hat. Der RLT-Schauspieler Schleue wurde von Regisseur Alexander May mit einer Rolle und einem Stück betraut, das ihm anfangs Angst machte. Nicht einmal eine Bühne hat er in „All das Schöne“.

Als Spielfläche muss der kleine Kreis reichen, den die Tische und Stühle am Rand im Foyer der Studiobühne bilden. Stefan Schleue ist nervös, läuft auf und ab, während die Zuschauer sich noch einen Platz suchen oder ein Getränk an der Theke holen.

Keine Vorstellung ist wie die andere, sagt der Schauspieler, der am RLT mit „All das Schöne“ sein erstes Solo spielt und genau weiß: Alle schauen ihn an, er kann sich nicht verstecken.

Stefan Schleue hat kleine Zettel im Publikum verteilt, mit Nummern und Beschriftungen, die auf der Liste der lebenswerten schönen Dinge der Hauptfigur stehen. Wer einen solchen Zettel hat, wird während des Schauspiels per Aufruf gebeten, ihn vorzulesen.

Die Zuschauerbeteiligung ist hoch bei der Inszenierung, sagt Schleue, „und ich muss mich ständig fragen: Wie geht es den Menschen, die ich dazu hole?“ Auf keinen Fall möchte er, dass jemand sich überfahren fühlt. „Es soll für jeden auch ein schöner Abend werden!“

Das Spiel beginnt. Stefan Schleue wischt Bahn um Bahn die Tafel mit einem nassen Schwamm ab, dreht sich um – und ist der namenlose Erzähler des Stücks. Erzählt, wie er als Siebenjähriger die erste Erfahrung mit dem Tod gemacht hat, als er seinen Hund hat einschläfern lassen müssen. Die Stückfigur wird wieder zu Stefan Schleue und bittet einen Zuschauer, den Tierarzt zu spielen.

„Bislang ist es mir immer noch gelungen, im Vorfeld zu gucken, wen ich ansprechen kann“, sagt Stefan Schleue, dem es wichtig ist, niemanden zu überfordern. Am Anfang habe er Angst gehabt, die Rolle zu spielen, sagt er. „Es fällt mir schwer, verbindlich zu sein, und ich wusste nicht, ob es mir gelingen wird.“ Eigentlich zeige er in solchen Situationen eher einen „Fluchtinstinkt“.

Für den Schauspieler gibt es keine Pausen. Von einer Sekunde zur nächsten wechselt er die Rollen, ist Stefan Schleue, wenn der „Tierarzt“ nicht reagiert, wie er reagieren soll, ist der namenlose Siebenjährige mit seinem Hund auf dem Arm (eine Lederjacke, die zuvor ausgeliehen wurde), der weiß, was seinem Tier angetan werden muss.

Es sei schrecklich gewesen, allein zu proben, sagt Stefan Schleue, „auch wenn manche Kollegen da waren.“ Aber mit denen sei es völlig anders gewesen. „Unsere Aufgabe ist es schließlich, als Schauspieler den Moment zuzulassen, aber das geht nicht, wenn Zuschauer beteiligt sind.“ 60 Zuschauer sind für ihn eine optimale Größe, „in der Vorstellung bei der Kulturnacht waren es 80 – das waren zu viele.“

Der Tierarzt darf sich wieder setzen. Immer wieder ruft der Erzähler Nummern von seiner Liste der lebenswerten Dinge auf und schaut in die Runde. Wer hat den Zettel vorliegen? Ein Zuschauer antwortet. Vernehmlich laut oder eher zurückhaltend leiseAls Erzähler kommt Schleue kommt ins Schwitzen. Tänzelt, freut sich, reißt die Arme hoch, ruft eine neue Zahl auf. Die Zuschauer sind nun drin, auch derjenige, den Schleue als Papa ins Spiel holt. Diese Rolle wird der Zuschauer die folgenden 60 Minuten auch nicht verlieren.

Stefan Schleue ist sichtbar froh, dass der Autor Duncan Macmillan seinem Text einen Humor mitgegeben hat, der es leicht macht, über das schwere Thema Depression zu reden. „Das Stück ist nicht das große Drama“, sagt er, „sondern auch sehr unterhaltsam.“

Für einen kurzen Moment wird der Erzähler zu Stefan Schleue und steuert schlagfertig seinen eigenen Humor bei: „Wir sind nicht in England“, kommentiert er, der gerade noch ein Siebenjähriger war und nun zusieht, wie sein „Vater“ aus dem Publikum sich als Fahrer auf die falsche Seite des „Autos“ setzt.

Einige Vorstellungen hat Stefan Schleue schon hinter sich. Und so weiß er auch, dass er großes Zutrauen in das Stück und seine Struktur haben kann. Aber dennoch fragt er sich jedes Mal: „Was wird das heute Abend geben?“

Der Erzähler ist erwachsen, hat seine Mutter beerdigen und es mit dem schweigsamen Vater aushalten müsen. Er hat geheiratet, die Uli, und sie hat sich wieder von ihm getrennt. Und er hat gelernt: Es gibt eine Million Gründe, warum das Leben lebenswert ist. Das Publikum an den Tischen rund um die kleine Spielfläche klatscht begeistert und folgt willig der Aufforderung des Schauspielers, so wie für das „Vorher“-Foto vor der Vorstellung nun auf der Treppe zum Studiofoyer für das „Nachher“-Foto zu posieren.