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Neuss: Zum 174. Mal "Zog-Zog"

Neuss : Zum 174. Mal "Zog-Zog"

Das Neusser Bürger-Schützenfest wird gefeiert. Dazu gaben mehrere hundert Neusser am Samstagabend bei der "Zog-Zog"-Versammlung ihre Zustimmung. Jetzt werden die Vorbereitungen abgeschlossen.

Dirk Stenmanns ist Arzt und Kapitän — Schütze ist er nicht. Aber er (er)kennt Rituale und schätzt sie. "Rituale sind wichtig für den sozialen Halt einer Gesellschaft", sagt der Neusser. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Initiationsritus der Tolai in Papua-Neuguinea, wo er als Arzt arbeitete, und der Zog-Zog-Versammlung vor dem Schützenfestes in Neuss: "Beides sind Rituale, von Vorfahren übernommene Handlungen, an denen die Leute festhalten, die nicht belächelt, sondern im Gegenteil sehr geschätzt werden. Sie sind Tradition."

Zur Tradition des Neusser Schützenfestes gehört es, sechs Wochen vor dem Fest die Bürger und Bürgerssöhne in einer Versammlung um ein Votum zu bitten, zu dem es eigentlich keine Alternative gibt. Denn die Vorbereitungen für das Fest vom 27. bis 30. August sind längst abgeschlossen. So begrüßte Schützenpräsident Thomas Nickel die Teilnehmer der 174. Bürgerversammlung im 188. Jahr des Vereinsbestehens am Samstagabend in der Stadthalle denn auch "in der Gewissheit, dass wir in 42 Tagen unser großes Schützenfest feiern werden". Und er behielt Recht. "Zog-Zog" riefen die Männer im Saal, als Komiteemitglied Heinz Welter um 20.06 Uhr die Kardinalfrage stellte, um zu sondieren, ob die Neusser auch 2011 Schützenfest feiern wollen. Sie wollen — selbstverständlich!

Welter war zum dritten Mal die Aufgabe angetragen worden, gegenüber dem Bürgermeister und den Stadtvätern, also den Mitgliedern des Hauptausschusses, zu begründen, warum auch in diesem Jahr Schützenfest gefeiert werden muss. Er brachte etliche Argumente vor, doch das wichtigste, so merkte er an, kam am Schluss: Joseph Lange — Stadtarchivar, Kenner der Neusser Geschichte und ihrer Schützentradition, Buchautor und auch Verfasser vieler Schützenlieder — wäre im Mai hundert Jahre alt geworden. In diesem "Joseph-Lange-Jahr Schützenfest nicht zu feiern, wäre im Hinblick auf das Andenken an unser Ehrenmitglied nicht zu vertreten", sagte Welter.

Aber auch wenn das Ergebnis festzustehen scheint, sei Zog-Zog keine Formsache, hatte Nickel betont. Dieser Abend ist "eine Einladung und Aufforderung an alle Aktiven, ihre Vorbereitungen jetzt zu beginnen." Vorbereitungen auf ein Fest, so zitierte er aus der Rede von Horst Thoren, dem stellvertretenden Chefredakteur dieser Zeitung, zum Patronatstag der Grenadiere, das in "einer Zeit der Werbung, der Sprech- und Luftblasen" eben "keine Marketingblase mit geringer Halbwertzeit und purer Außenwirkung" ist, sondern als "überdimensionales Klassentreffen und Mehrgenerationen-Begegnung in einem" Bedeutung gewinnt. Das unterstrich auch Bürgermeister Herbert Napp. "Wir sind kein x-beliebiges Stadtfest, keine Love-Parade und erst recht kein Christopher-Street-Day. Wir sind Schützen, die ein Volksfest feiern. Wir sind Basis, wir sind authentisch. Wir sind selbst die Stars und unsere Besucher nicht bloße Konsumenten."

Am Ende des Initiationsritals der Tolai, berichtet Dr. Stenmanns, präsentieren sich die Jungen in einem Gewand aus Laub und Zuckerrohrfasern. Einer Verkleidung, die alle sozialen und gesellschaftlichen Schranken aufhebt. Genau wie die Uniform im Schützenwesen. Doch das ist ein anderer Aspekt des an Ritualen reichen Neusser Festes.

(NGZ)