Neuss: Zu viel kalter Kaffee

Neuss: Zu viel kalter Kaffee

Neuss Es gibt Orte, die sind nicht zum Wohlfühlen geschaffen. Der Wartebereich eines Arbeitsamtes gehört sicher dazu. Der viel beschäftigte Theaterautor Moritz Rinke recherchierte trotzdem "monatelang in den Ämtern" und hat sich "dort mit Arbeitsberatern und Arbeitslosen unterhalten", wie es in der Ankündigung zur jüngsten Premiere am Rheinischen Landestheater (RLT) heißt.

Neuss Es gibt Orte, die sind nicht zum Wohlfühlen geschaffen. Der Wartebereich eines Arbeitsamtes gehört sicher dazu. Der viel beschäftigte Theaterautor Moritz Rinke recherchierte trotzdem "monatelang in den Ämtern" und hat sich "dort mit Arbeitsberatern und Arbeitslosen unterhalten", wie es in der Ankündigung zur jüngsten Premiere am Rheinischen Landestheater (RLT) heißt.

Das Ergebnis dieser Langzeitstudie und das, was Regisseurin Sylvia Richter daraus mit neun Schauspielern gemacht hat, war am Samstagabend unter dem Titel "Café Umberto" zu sehen. Mehr als kalten Kaffee bekam das Publikum im keineswegs ausverkauften Haus nicht serviert. Die ersten Zuschauer verließen den Saal bereits nach 20 Minuten, viele nutzten die Pause, um den mit Vorfreude erwarteten Theaterabend vorzeitig abzubrechen. Die, die durchhielten, spendeten nach zweieinhalb Stunden einen dünnen Applaus. Spielort ist der Flur einer Agentur für Arbeit.

Jasna Bosnjaks Bühnenbild entfaltet den Charme eines Checkpoint Charlie von der Ost-Seite aus gesehen. Grau-schwarze Wände und Automatenstimmen dominieren die nüchterne Atmosphäre einer Grenz- und Endstation voller Sehnsucht nach wertstiftender Arbeit. Dort treffen im Verlauf der Handlung drei Frauen und sechs Männer aufeinander, nur zwei davon haben noch eine Beschäftigung: Die Fernsehmoderatorin Sonja (Tini Prüfert) und Amtsleiter Herzberg (Raik Singer). "Ich bin von unserem Leben enttäuscht", sagt Paula (Birgit Zamulo), die mit ihrem Lebensgefährten Anton (Hannes Schäfer) zu den Stammgästen im Wartesaal gehört. Selbst der in der ganzen Stadt gerühmte Espresso Umbertos kann sie in dieser Stimmung nicht aufheitern.

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Umberto (Martin Skoda), der Sohn eines Spaniers und einer Italienerin, hat als Ich-AG im Flur der Arbeitsagentur ein Café eröffnet. Er spricht nicht, aber dafür liest er allen Besuchern die Wünsche von den Lippen ab und schreibt klaglos an. Birgit Zamulos Paula gehört neben dem Kaffeeduft, der anfangs in die ersten Zuschauerreihen wabert, zu den wenigen Stärken des Abends. In einer mit grellem Licht unterstützten Nummernrevue ziehen drei Paare und ein Einzelgänger mit einem unnatürlich dicken Aktenordner vor dem Auge des Betrachters vorbei.

Die Einzelschicksale des erfolglosen Musikers Jaro (Kaspar Küppers) oder der glücklosen Schneiderin Jule (Anna Warntjen) mögen der Wirklichkeit entnommen sein. Als Aromaträger funktionieren sie in diesem Stück Moritz Rinkes ebenso wenig wie die Geschichten des arbeitslosen Erdkundelehrers Lukas (Tim Knapper) oder des Mannes mit dem Papierstapel (Jochen Ganser).

Woran liegt es, dass das Stück mit aktuellem Bezug einen eher unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt? Ganz sicher nicht an der Leistung der durchweg solide spielenden Akteure. Neben Birgit Zamulo arbeiten vor allem Tim Knapper als verstörter Erdforscher Lukas und Hannes Schäfer als ehemaliger Hochschuldozent, der unter anderem als Sumo-Ringer und Sicherheitsposten bei der Bahn Beschäftigung finden soll, immer wieder dichte Theatermomente heraus. In der weitgehend unstimmigen Inszenierung des dünnen Bühnenwerkes verflüchtigen sich diese Augenblicke jedoch wie der Duft von frischem Kaffee an einem muffigen Ort.

(NGZ)
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