Neuss : Zu neuem Glanze

Die Radsport-Begeisterung der Neusser und das "Neusser Modell” zur Dopingbekämpfung sollen das ramponierte Image des Radsports anlässlich der "Deutschland-Tour” aufpolieren. Am Mittwoch wurde die Strecke vorgestellt.

Neuss Da täuschte sich Jens Voigt: "Wetten, dass hier mehr über das Ullrich-Verfahren als über die Strecke geredet wird", meinte der Vorjahressieger der Deutschland-Tour, als er am Mittwochmittag kurz vor zwölf vor dem Zeughaus aus dem Taxi kletterte. Anderthalb Stunden später war in Neuss' guter Stube nicht ein Mal der Name Jan Ullrich gefallen.

Vielleicht ein Zeichen für eine Kehrtwende im Radsport? Seit die Veranstalter offensiv mit dem Thema Doping umgehen, scheint wieder mehr über den Sport, über Streckenprofile und Siegchancen, gesprochen zu werden.

"Schlimmer als letztes Jahr kann es sowieso nicht mehr werden", findet Jungprofi Markus Fothen, dem die ständige Dopingdiskussion zwischenzeitlich die Freude am Fahren genommen hatte - so wie vielen Fans die Freude am Zuschauen abhanden gekommen war.

Jetzt, glaubt Kai Rapp, sei diese Freude wieder da. Der Cheforganisator der Deutschland-Tour hat festgestellt: "Wenn über Doping gesprochen wird, dann konstruktiv." Soll heißen: statt Aufarbeitung der (unrühmlichen) Vergangenheit Vorbereitung der Zukunft. Deshalb lässt er in diesem Jahr das Peloton auf den 1 385 Kilometern vom Prolog in Kitzbühel bis zum Einzelzeitfahren in Bremen vom "Neusser Modell" begleiten.

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Mit dieser "ganzheitlichen Antidopingkampagne" sollen nicht nur Dopingsünder aufgespürt und abgeschreckt werden, durch "neue Verfahren und weniger berechenbare Kontrollen", wie Dr. Sascha Severin, einer der Initiatoren, sagt. Das "Neusser Modell" soll viel mehr dazu beitragen, dass irgendwann vielleicht gar nicht mehr von Doping die Rede ist.

Ein frommer Wunsch? Für Jan Ullrich kommt das "Neusser Modell" zu spät. Die anderen, vor allem die jüngeren Fahrer begrüßen es: "Je öfter und intensiver und intelligenter getestet wird, desto größer ist meine Chance, nach vorne zu fahren", sagt Markus Fothen, Vorster im Dress des Team Gerolsteiner.

"Inzwischen muss jeder kapiert haben, dass es so nicht weitergeht", findet sein Milram-Kollege Christian Knees. Und Jens Voigt begrüßt solche Initiativen wie die aus Neuss, "denn es wird Zeit, die Maßnahmen zu bündeln."

Kai Rapp soll es Recht sein. Der hatte dem Vernehmen nach keinen leichten Stand, die Deutschland-Tour 2008 unter Dach und Fach zu bringen. Die Zusage eines weiteren Hauptsponsors steht noch aus, dessen Unterschrift soll aber innerhalb der nächsten drei Wochen vorliegen. "Der Radsport hat halt in den vergangenen zwei Jahren sehr stark polarisiert", sagt Rapp. Trotzdem habe es "reihenweise" Bewerbungen von Etappenorten gegeben.

Die Vertreter von acht Städten, denen zwischen dem 29. August und 6. September diese Ehre zuteil wird, waren am Mittwoch ins Zeughaus gekommen. Dort wurde ihnen nicht nur das "Neusser Modell" präsentiert. Sondern auch die Strecke, die in sieben Etappen, einem Prolog und einem Einzelzeitfahren vom Alpenrand bis in die Wesermarsch führt.

Neuss ist gleich zwei Mal dabei: Am Nachmittag des 4. September, dem Donnerstag nach Schützenfest, sprinten die Fahrer, am Morgen im sauerländischen Schmallenberg gestartet, auf der Augustinusstraße um den Sieg der sechsten, 195 Kilometer langen Etappe. Mit dem Obertor als Kulisse, von der "das Fernsehen schon jetzt begeistert ist", sagt Stadtpressesprecher Hans Mietzen.

Danach übernachtet der gesamte Tross in Neuss, bringt dabei "mindestens 45 000 Euro in die Kassen der heimischen Hotellerie und Gastronomie", rechnet Mietzen vor.

Um am Freitagmorgen (5. September) vom Markt aus über einen innerstädtischen Rundkurs zum Hammfelddamm und über die Kardinal-Frings-Brücke Richtung Wuppertal zu entfleuchen. Dann, hofft zumindest Bürgermeister Herbert Napp, "haben wir etwas dazu beigetragen, dem Radsport zu neuem Glanze zu verhelfen."

Dafür muss die Deutschland-Tour aber um einiges spritziger ausfallen als die gestrige Präsentation, der nicht mal Jens Voigt zu hohem Unterhaltungswert verhelfen konnte. Vielleicht hätte er ja doch 'was zu Jan Ullrich sagen sollen.

(NGZ)