Zeughauskonzerte in Neuss feiern 70 Jahre

Konzertreihe in Neuss : Zeughauskonzerte feiern 70 Jahre

Mit einem fulminanten Programm feiert die städtische Musikreihe im Zeughaus in der kommenden Saison ihr 70-Jähriges. Für Programmmacher und Kulturreferent Rainer Wiertz ist es die 35. Saison.

„Kurz nach Kriegsende hatten die Neusser wieder Lust auf Musik“, sagt der Neusser Kulturreferent Rainer Wiertz, der seit 1984 als Planer der Zeughauskonzerte fungiert. Die beliebte Konzertreihe wird mit der neuen Saison 70 Jahre alt. 1949/50 hatte die Gesellschaft für christliche Kultur Neuss noch maßgeblich an der Etablierung dieser von Anfang an hochkarätigen Musikerlebnisse mitgewirkt, mit der Saison 1957/58 endete die Kooperation, seither ist die Stadt Neuss allein verantwortlich. Hohe städtische Beamte wie der spätere Stadtdirektor Walter Paul (1950 – 1978) und der Beigeordnete Gerhard Oeltze (1978 – 1984) waren die Chefplaner.

Seit 1984 obliegt dies Rainer Wiertz, der damit in der kommenden Saison auch ein kleines Jubiläum – 35 Jahre – feiern kann. Gleichwohl blieb er bei der Programmplanung auch im Jubeljahr dem von den Neusser Musikfreunden honorierten und damit bewährten Grundkonzept mit den Schwerpunkten Kammer- und Vokalmusik treu.

Harfinist Xavier de Maistre tritt mit Martina Gedeck auf. Foto: Beatrice Waulin

Den Anfang macht ein Klavierrecital mit Alexander Lonquich (27. September). Der Pianist konzertiert weltweit auf allen bedeutenden Festivals und ist mit einem reinen Schubert-Abend in Neuss dabei, sich in die Phalanx der großen Schubert-Interpreten (Rudolf Serkin, András Schiff, Alfred Brendel) einzureihen. In Neuss spielt er auch die große A-Dur-Sonate aus Schuberts letztem Lebensjahr, die als Krönung seines Sonatenwerks betrachtet wird.

Gelegentlich musiziert Alexander Lonquich mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang. „Nach langen Verhandlungen ist es uns endlich mal gelungen, sie zu verpflichten“, sagt Rainer Wiertz. In Neuss spielt sie allerdings mit dem Usbeken Michail Lifits (Klavier). Beide werden schon länger von der Kritik als „Dreamteam“ gefeiert (10. Oktober).

Das Ensemble Aris gehört zu den gefeierten jungen Streichquartetten. Foto: S. Bednarek. Foto: Simona Bednarek

Wiederum ist mit dem Aris Quartett ein gefeiertes Streichquartett im Zeughaus (6.November), das nach der „Kreutzersonate“ von Leoš Janáček sich mit dem aufstrebenden Pianisten Fabian Müller zu Robert Schumanns häufig gespielten „Klavierquintett Es-Dur“ zusammenfindet.

Martina Gedeck, eine der profiliertesten und bekanntesten deutschen Schauspielerinnen, gestaltet mit dem französischen Star-Harfenisten Xavier de Maistre einen literarisch-musikalischen Abend am 19. November. Zu einem Adventskonzert der Extraklasse kommen am Nikolaustag (6. Dezember) die sieben Herren des britischen Vokalkonsorts The Gesualdo Six nach Neuss. Und weil das Ensemble die Tradition der britischen Kathedralmusik pflegt, findet dieses Zeughauskonzert in der Basilika St. Quirin statt. Ähnliches gab es schon mal: Der Star-Trompeter Maurice André konzertierte 1986 ebenfalls in der damals völlig überfüllten Basilika.

„Der besondere Abend“ wird als WDR-Kammerkonzert den jungen Trompeter Simon Höfele mit seiner estnischen Pianistin Kärt Ruubel vorstellen (24. Januar, wiederum im Zeughaus). Dass die seit der Saison 1989/90 bestehende glückliche Konstellation mit dem WDR aus Kostengründen eingeschränkt wird, bedauert Rainer Wiertz: „Der WDR zahlt nur noch ein Mitschnitt-Honorar.“

Das deutsche Kunstlied hat Tradition, und es ist für Rainer Wiertz Verpflichtung, „dies zu pflegen, auch wenn das dem Neusser Publikum nicht immer gefällt“. Der deutsche Tenor Julian Prégardien will bis zum 13. Februar „extra für das Neusser Publikum“ Robert Schumanns „Liederkreis“ mit seinem französischen Klavierpartner Eric le Sage einstudieren. Am 1. März gibt es erneut eine Sonntagsmatinee (11 Uhr). „Trotz riesiger Karriere ist der Pianist Joseph Moog Neuss treu geblieben“, sagt Rainer Wiertz voll Freude. Er hatte den heute 31-Jährigen schon vor vielen Jahren verpflichtet.

Violinistin Vilde Frang wurde lange umworben. Foto: Marco Borggreve
Bratschistin Lise Berthaud gestaltet das Finale der Saison. Foto: Neda Navaee
Pianist Fabian Müller ist der Solist beim Konzert mit Aris. Foto: Neda Navaee

Die Zeughauskonzerte waren oft Talentschmiede: 1983 spielte der heute zur Weltelite zählende Geiger Frank Peter Zimmermann als 18-Jähriger im Zeughaus. Seit 15 Jahren ist das Quatuor Voce exzellenter Botschafter französischer Streichquartett-Kunst. Es beschließt die Jubiläumssaison (23. März) und vereinigt sich zum Finale und Johannes Brahms’ „Streichquintett G-Dur“ mit der bekannten französischen Bratschistin Lise Berthaud.

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