Zeppelin fliegt über Neuss – ein Reisbericht

Der besondere Reisebericht : Mit dem Luftschiff über Neuss

Reisen mit dem Zeppelin ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Zwölf Passagiere erleben das auf dem Weg nach Gladbach.

Am Himmel über Neuss wird sich am Mittwoch, 29. Mai, ein ungewohntes Bild zeigen: Auf dem Weg nach Mönchengladbach überfliegt ein Zeppelin mit Heimatbasis am Bodensee gegen 9.45 Uhr die Stadt – und auf dem Rückflug gegen 12.10 Uhr noch einmal. Am Wochenende war das Flugschiff in Berlin, wo es bei einem dreitägigen Gastspiel Werbeflüge für einen Autozulieferer absolvierte. Dann verzögerten zu starke Winde die Rückreise nach Westen und die Landung in Bonn, wo der Zeppelin einige tage bleiben und zu Rundflügen starten wird.

Wie aber fühlt sich so ein Zeppelinflug für die zwölf Passagiere an, die heute vom Flugplatz Bonn-Hangelar über Köln und Neuss nach Mönchengladbach reisen? Auf jeden Fall hat ihr Flug viel mit Nostalgie zu tun, denn Reisen im Zeppelin ist weder schnell noch preiswert. Aber diese Form des Lufttransports versetzt den Mitflieger auf eine Zeitreise in eine Ära, als Fliegen noch ein Abenteuer und etwas für Privilegierte war.

Nach dem Warmlaufen der drei jeweils 200 PS starken Motoren gibt der Pilot der Bodencrew das Zeichen zum Abheben. Er schiebt die Gashebel nach vorn. Die Propellergeräusche werden lauter. Nun das Unerwartete. Beim Start drückt es die Passagiere weder in den Sitz wie im Airliner noch wackelt es wie im Hubschrauber. Steil steigt das Luftschiff gen Himmel, aber alles wirkt ein bisschen wie in Zeitlupe verzögert. Es ist quasi die wiedergewonnene Faszination der Langsamkeit.

Zeppelinfliegen ist eine höchst geruhsame, aber vor allem bezaubernde Art des Luftreisens. Die Sicht aus den großen Fenstern ist phantastisch. Bereits nach wenigen Minuten ist die Reiseflughöhe von nur 300 Metern erreicht. Nun geht der Zeppelin NT – das NT steht für Neue Technologie – auf Kurs. Menschen am Boden schauen erstaunt zum Luftschiff hoch und winken.

Namensgeber Ferdinand Graf von Zeppelin entwickelte die Giganten am Himmel einst gegen starke Widerstände und trotz vieler Rückschläge vor mehr als 100 Jahren am Bodensee. 1917 starb der Luftfahrt-Pionier, der als Erfinder des Starr-Luftschiffs mit einem festem Innenskelett aus Aluminium gilt. Die nach seinem Tod entwickelten Luftschiffe erreichten zum Teil riesige Ausmaße: Die Größten, der 1936 in Dienst gestellte LZ 129 „Hindenburg” und sein Schwesterschiff LZ 130 „Graf Zeppelin II”, hatten eine Länge von fast 245 Metern und einen Gasinhalt von etwa 190.000 Kubikmetern.

Der LZ 129 bot damals einen unvergleichlichen Komfort an Bord. Zwei luxuriöse Passagierdecks mit Schlafkabinen boten Platz für bis zu 72 Gäste, im Mannschaftsquartier kamen gut 60 Crewmitglieder unter. Kräftige Motoren sowie das hochstabile Innenskelett machten die Hindenburg zu einem Meisterwerk der Ingenieurskunst. Ihr tragisches Ende am 6. Mai 1937, als sie kurz vor der Landung im US-amerikanischen Lakehurst in Brand geriet und abstürzte, ist bis heute unvergessen. Dafür sorgen auch die Filmaufnahmen und eine Live-Radioreportage von dem Unglück, bei dem 35 Menschen den Tod fanden. Die Hindenburg war mit dem feuerentzündlichen Gas Wasserstoff gefüllt, heute fliegen Zeppeline NT mit unbrennbarem Helium.

Mittlerweile hat die Flugbegleiterin ein Zeichen gegeben. Die Passagiere müssen nun nicht mehr angeschnallt sein. Alle Gäste an Bord spazieren nun durch die geräumige Kabine und betrachten die Landschaft. Wenn das Kommando am Mittwoch beim Sonderflug „Mönchengladbach“ kommt, wird der Zeppelin in etwa den Rhein bei Köln-Rodenkirchen erreicht haben.

Der Faszination des langsamen, nahezu lautlosen Fliegens erliegen alle Gäste an Bord. Allerdings ist der Zeppelin nichts für eilige Menschen. Etwa 65 Kilometer je Stunde erreicht er im Reiseflug. Aber Geschwindigkeit ist überhaupt kein Thema. Der große Vorteil des Zeppelins ist zudem seine eigens entwickelte Schubvektorsteuerung: Mit deren Hilfe erhöhen zwei Propeller am Heck die Manövrierbarkeit. Zwar wird der Zeppelin NT bei Reisetempo ähnlich wie ein Flugzeug durch Seiten- und Höhenruder gesteuert. Diese lassen aber bei Geschwindigkeiten unter etwa 45 Stundenkilometern deutlich in ihrer Wirkung nach. Durch Schwenken eines Propellers nach unten kann die Nickbewegung des Luftschiffs verstärkt oder verringert werden, ein zweiter Propeller im Heck wirkt ähnlich wie der Heckrotor eines Helikopters in seitlicher Richtung.

Von Süden kommend, werden als nächstes Lanxess Arena und Kölner Messe erreicht, Rheinterrassen und Hohenzollernbrücke liegen voraus und der erste Höhepunkt der Tour kommt in Sicht: Der Überflug des Kölner Doms. Eine Panoramascheibe im Heck lässt dann einen atemberaubenden Blick nach unten auf den Dom zu. Kein Wunder, dass ehemalige Passagiere von der „schönsten Art des Reisens“ schwärmen.

Die Sicht aus einem Zeppelin ist unvergleichlich. Eile und Hektik fallen von den Passagieren ab, jeder steht an einem Fenster und beobachtet fasziniert die Landschaft wie in einem Film langsam vorbeiziehen. Manch einer schaut aber auch dem Piloten über die Schulter, der mit der linken Hand den Sidestick für die Steuerung und der Rechten die Hebel für Leistung und Schubrichtung bedient.

Vorbei an Dormagen, wird der Zeppelin dann Neuss erreichen, die Stadt einmal überfliegen und auf Westkurs drehen. Wenig später komm Mönchengladbach in Sicht. Kurz vor dem Flughafen wird die Geschwindigkeit gedrosselt und der Sinkflug eingeleitet. Langsam schwebt der Zeppelin immer weiter gen Boden, bis er sanft auf einer Wiese des Airport Mönchengladbach aufsetzt. Die  wartende Bodenmannschaft dockt das Luftschiff sofort an einem Lastwagen an, auf dem ein Ankermast montiert ist.

Schwenkbare Propeller erhöhen die Manövrierfähigkeit. Foto: Jürgen Schelling
Beim Start wird man als Gast in einem Zeppelin nicht in den Sitz gepresst. Foto: Jürgen Schelling
Durch große Panoramascheiben sieht man als Passagier die Landschaft wie im Film vorbeigleiten. Foto: Jürgen Schelling
Der Zeppelin hat am Wochenende noch Werbeflüge für den Autozulieferer ZF aus Friedrichshafen gemacht. Foto: Jürgen Schelling

Die Piloten auf diesen Flügen sind alle sehr erfahren. Neben fliegerischem Können gehört allerdings auch Glück dazu, einen Zeppelin NT fliegen zu dürfen. Denn es gibt weltweit mehr Astronauten als Zeppelinpiloten. Und man muss selbst als erfahrener Pilot auf Flugzeugen oder Helikoptern ziemlich umlernen, um ein voluminöses Luftschiff zu steuern. Die Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen bildet  deshalb selbst aus. Bewerber müssen aber eine Berufspilotenlizenz mitbringen und mindestens 800 Flugstunden nachweisen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mit dem Luftschiff über Neuss

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