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Neuss: Zahl der Kunstfehler-Beschwerden steigt

Neuss : Zahl der Kunstfehler-Beschwerden steigt

Immer öfter lassen Patienten ihren Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler prüfen. Die AOK Rheinland/Hamburg bietet Beratung an. Sie realisierte im Vorjahr 2 Millionen Euro Schadensersatz. Jede dritte Beschwerde gilt als berechtigt.

Die Zahl der Patienten, die glauben Opfer eines sogenannten Kunstfehlers geworden zu sein, steigt — auch im Rhein-Kreis. Das geht aus dem Bericht der AOK Rheinland/Hamburg hervor, die seit 1987 mit einem heute 9-köpfigen Team "Ärztliche Behandlungsfehler" den Beschwerden nachgeht und die Patienten unterstützt. Im Rhein-Kreis sind aktuell 112 Fälle gelistet; im Vorjahr waren es nur 90. Die Steigerung liegt im Trend: Im Bereich der AOK Rheinland/Hamburg kletterte die Zahl von 1794 Fällen in 2011 auf 2091 im Vorjahr.

Täglich werden Patienten behandelt: Wer sich krank fühlt, wird untersucht. Wer krank ist, dem werden Medikamente verordnet, der wird operiert, der wird nachversorgt, der wird gepflegt. Wer sich der Kunst der Mediziner anvertraut, ist in Deutschland meist in guten Händen. Doch auch Ärzte machen Fehler oder: Trotz größter medizinischer Kunst stellt sich der erhoffte Behandlungserfolg nicht ein. Der Patient hat weiterhin Schmerzen, er muss eine lange Behandlungsdauer durchstehen oder er behält gar bleibende Schäden zurück.

"Wir unterstützen unsere Patienten in einem transparenten Verfahren", sagt Marion Schröder, AOK-Regionaldirektorin in Neuss, "dabei arbeiten wir nicht gegen unsere Vertragspartner, sondern verstehen eine faire Prüfung auch als Beitrag zum Qualitätsmanagement." Wenn in den vergangenen Monaten die Fallzahlen spürbar angezogen haben, bedeutet das nach Auffassung von Schröder nicht, "dass mehr Fehler in den Behandlungen passieren." Eine offene Kommunikation zum Thema Behandlungsfehler führe dazu, "dass mehr Patienten den Mut finden, sich zu melden." Die größten Steigerungsraten hat die AOK im Bereich der Zahnmedizin festgestellt. "Vielleicht hat das etwas mit Geld zu tun", sagt Nicole Brock aus dem AOK-Serviceteam, "denn beim Zahnersatz muss mancher Patient ja zuzahlen."

Nach Überzeugung der AOK-Experten bleibt die Zahl "echter Fälle in etwa konstant". Das heißt im Klartext: Jede dritte Beschwerde wird durch die Gutachter als berechtigt angesehen und führt zu einer Entschädigung. Im Vorjahr betrug diese Regresssumme bei der AOK Rheinland/Hamburg zwei Millionen Euro. Nicht ohne Stolz heißt es in dem jüngsten AOK-Bericht: "Somit hat das Serviceteam ,Ärztliche Behandlungsfehler' seit seinem Bestehen mittlerweile über 29 Millionen Euro Schadenersatz realisieren können."

Im Rhein-Kreis kommen neun Kunstfehler-Beschwerden auf 10000 AOK-Versicherte. Dieser Wert liegt deutlich über dem AOK-Schnitt (7,3). Den niedrigsten Wert weist der Kreis Euskirchen (4,2) auf; der höchste Wert wird im Kreis Wesel (10,9) registriert. Auch mit Blick auf dieses Zahlwerk verweisen Schröder und Brock darauf, "dass die Menschen einfach besser informiert sind" und sich "eher trauen, das Thema anzusprechen." Noch sei der Aufklärungsgrad regional unterschiedlich ausgeprägt. Brock setzt auf Kommunikation: "Wir hören von unseren Versicherten immer wieder, wie wichtig für sie nach einem Vorfall ausführliche und verständliche Informationen sind."

(NGZ)