Neuss: Woyzeck bricht aus

Neuss : Woyzeck bricht aus

Alexander Marusch sieht in der Hauptfigur von Georg Büchners Dramenfragment "Woyzeck" nicht nur ein Opfer, sondern auch einen Täter. Für seine Inszenierung am RLT hat er eine eigenen Spielfassung erstellt.

Er macht ihn ja — den Versuch, seine Situation zu verändern und damit dem ihm von Georg Büchner auf den Leib geschriebenen Schicksal zu entkommen. "Wir gehen hier weg", beschwört Franz seine Marie. Klammert sich an sie und weint. "Du und ich und der Kleine!" Aber Marie will nicht, und so passiert dann doch, was das einzig Gesicherte an Büchners fragmentarischem Drama "Woyzeck" ist: Franz bringt seine Marie um.

Daran wenigstens hält sich auch Regisseur Alexander Marusch in seiner Inszenierung am RLT, für die er gemeinsam mit Udo Eidinger eine eigene Spielfassung erstellt hat. Doch während Büchner in seinem Stück, von dem es nur vier verschiedene Handschriften mit unterschiedlichen Entwürfen und Personennamen gibt, den Weg bis zum Mord an der untreuen Marie als unabänderliches Schicksal eines von der Gesellschaft Gedemütigten sieht, glaubt Marusch in Woyzeck nicht nur ein Opfer, sondern auch einen Täter zu erkennen. Einen Menschen, der sein Handeln selbst bestimmen kann.

Also gibt er ihm den Versuch, aus der Situation auszubrechen, die Marusch in einem modernen Club (Ausstattung: Julia Rogge) angesiedelt hat. Wo Marie als Bar- und Animierdame arbeitet und etwas zu oft und zu gerne mit dem Tambourmajor (martialisch wie sein Kampfanzug: Michael Putschli) im Separée verschwindet, und Woyzeck als Mädchen für alles den Feudel schwingt.

Aber wie soll ein Mensch, der nie gelernt hat, sich zu wehren und selbst körperliche Gewalt hinnimmt, einen eigenen Willen haben, geschweige denn ihn durchsetzen? Immerhin führt diese Frage zu der Lesart, dass Woyzeck nicht aus Rache oder Wut tötet, sondern weil er erkennen muss, dass seiner Marie (Emilia Haag) dieses Leben, das damit auch das seine bliebe, gefällt. Dazu passt auch, dass er sie quält, bevor er sie erdrosselt.

Stefan Schleue spielt diesen Woyzeck auf beklemmende Weise zwischen Phlegma und Eruption und kann doch auch nicht verhindern, dass der gewollte (Regie-)Gedanke des selbstbestimmten Handelns zu dieser Figur nicht so recht passen mag. Dem stehen Büchners Text entgegen (auch wenn Marusch ihn an vielen Stellen stark verändert und ergänzt) und mehr noch des Regisseurs sehr akademisch wirkender Zugriff auf den Stoff.

Die anderen Figuren sind dabei auch keine Hilfe. Der Doktor ist ein durchgeknallter Psychopath (Georg Strohbach), der Narr kommt schon mal im rosa Tütü (Michael Großschädl), und der Hauptmann ist ein schwuler Dümmling (Jonathan Schimmer). Dass die rund 90-minütige, pausenlose Aufführung zudem permanent mit Klangbildern (Komposition: Michael Barthel) unterlegt ist, wirkt nur wie ein Versuch, Leerstellen zu füllen und ist kaum einmal sinnstiftend.

(NGZ)
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