Serie Rätsel Der Stadt (7): Wo Kunst vor der Wohnungstüre steht

Serie Rätsel Der Stadt (7) : Wo Kunst vor der Wohnungstüre steht

GWG-Häuser an der Kaarster Straße versperren den Blick: Im Innenhof steht ein Werk von Pit Schütz. Wie kommt es dorthin?

Nordstadt Kunst für den Schnellverkehr ist es nicht. Wer über die Kaarster Straße mit dem Auto oder dem Fahrrad rollt, hat ebenso wenig eine Chance, einen Blick auf die Drei-Scheiben-Plastik zu werfen, wie Fußgänger, die nicht bereit sind, den Gehweg zu verlassen. Ein sehenswertes Kunstwerk von Rang, das 1975 der Neusser Künstler Peter Hermann "Pit" Schütz geschaffen hat, liegt versteckt in einem Innenhof eines Gebäude-Ensembles an der Kaarster Straße, das die Gemeinnützige Wohnungs-Genossenschaft (GWG) vor mehr als 40 Jahren errichten ließ. Schauen dort die Bewohner aus dem Fenster oder verlassen sie das Mehrfamilienhaus, so stehen sie vor großer Kunst. Doch die Frage bleibt: Wie kommt die Schütz-Plastik an diesen ungewöhnlichen Ort?

Wer Antworten sucht, der hört schnell das Stichwort "Kunst am Bau". So vermutet auch Thomas Schwarz als Sprecher der GWG, dass damals eine Großinvestition oft - und auch in diesem Fall - mit einem künstlerischen Akzent verbunden war. Aus Neugier und für die NGZ ist Thomas Schwarz ins GWG-Archiv gestiegen. Dort hat er Quellen entdeckt, die belegen, dass Pit Schütz für die Wohnungsgesellschaft in den 1970er Jahren als "Farbberater" tätig war. Unter anderem in Erfttal bei der farblichen Gestaltung von Hausfassaden. Dem Protokoll einer Aufsichtsratssitzung aus jener Zeit ist zu entnehmen, dass das Gremium zustimmend zur Kenntnis nahm, dass Schütz ein Kunstwerk für das Bauprojekt an der Kaarster Straße schaffen wird. Hermann Bolten war damals Vorsitzender des GWG-Aufsichtsrates und Wilhelm Kons sein Stellvertreter. "Von Kons ist ja bekannt, dass er ein Faible für die Kunst hatte", sagt Thomas Schwarz. Mehr Details konnte aber auch er nicht in Erfahrung bringen.

Einige Schütz-Arbeiten sind im Rathaus präsent, ein monumentales Werk ist auch in der Polizei-Hauptwache an der Jülicher Landstraße zu sehen. Als "Farbberater" war Schütz viel gefragt. So beriet er auch den Neusser Zeitungsverlag, in dem damals die Neuß-Grevenbroicher Zeitung erschien. Die Suche nach Balance zieht sich durch das Werk des Pit Schütz, immer sind seine geometrischen Darstellungen, der Kreis und das Quadrat, im Spannungsfeld von Ordnung und Freiheit, von Strenge und Kreativität. Seine Bilder seien "nicht zur Erhöhung der Gemütlichkeit geeignet, sie gehören nicht über Kredenz oder Sofa im bürgerlichen Wohnzimmer. Sie sind nicht dekorativ, sondern raumbestimmend", schrieb der 2006 verstorbene, ehemalige Leiter des Kölner Museums Ludwig, Karl Ruhrberg.

Pit Schütz ist, obwohl schon im Jahr 2000 verstorben, eine unvergessene Neusser Größe. Als scharfzüngiger Redner ging er beim Nüsser Ovend in die Bütt, als Schütze marschierte er an der Seite von Heinz Günther Hüsch, Max Tauch oder auch Jochem Dammer als "Bänkelsänger" zur Königsparade auf. Sein bekanntestes Kunstwerk hat vermutlich schon jeder Neusser gesehen, ohne dass es viele bewusst wahrgenommen und ihm zugeordnet haben: die Europa-Stele auf dem Friedrich-Ebert-Platz. Die hat Pit Schütz 1984 geschaffen. Schütz gehört zu den bedeutenden Künstlern, die die Stadt Neuss hervorgebracht hat. Neben der Europa-Stele ist eine weitere Schütz-Arbeit im öffentlichen Raum zu sehen: Die "Plastik im Wasserbecken mit Brunnenform" - so hat er sie selbst genannt - auf dem Meererhof ist aber schon weitaus weniger bekannt als die Europa-Stele. Nahezu in Vergessenheit geraten ist die Drei-Scheiben-Plastik an der Kaarster Straße. Sie verdient Aufmerksamkeit.

(-lue)
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