Neuss: Wissenschaftlich geprüft

Neuss : Wissenschaftlich geprüft

Aus dem Praktikum erwuchs eine Magisterarbeit : Die Italienerin Michela Fenili hat am Beispiel des Shakespeare-Festivals das Aufgabenfeld eines Kulturmanagers für die Universität in Bergamo untersucht.

Neuss Ihre Ehrlichkeit ist entwaffnend: Weder mit Shakespeare noch mit Kultur generell hatte sich Michela Fenili beschäftigt, bevor sie nach Neuss kam. Und dennoch ist aus ihrem dreimonatigen Aufenthalt eine Magisterarbeit entstanden, die Gestaltung und Kompetenzen eines Kulturmanagers am Beispiel des Shakespeare-Festivals untersucht, und ihr in ihrer italienischen Heimat eine Punktzahl eingebracht hat, die nach deutschem Wertesystem eine "Eins" bedeutet.

"Im Grunde war es auch für mich eine Überraschung", sagt die 25-Jährige, die mit der Arbeit ihr Studium "Kommunikationswissenschaften und Verlagswesen" an der Uni Bergamo beendet hat, lachend, "ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir die Arbeit in Neuss so viel bringen würde".

Nach Praktika bei einem lokalen italienischen Fernsehsender und in einigen Unternehmen steht für sie jetzt sogar fest, dass sie ihre berufliche Zukunft in der Kultur sieht: "Management von Events würde ich gerne machen."

Auf Vermittlung von Professor Dorothee Heller, eine gebürtige Neusserin, die an der Uni Bergamo bei Mailand Linguistik und Deutsche Sprache lehrt, kam Michela Fenili über das studentische Austauschprogramm "Leonardo" im vergangenen Sommer für ein Praktikum ins Neusser Kulturamt und damit fast automatisch auch ins Globe-Team von Andreas Giesen.

Der Produktionsleiter des Festivals kann sich noch sehr gut an gemischte Gefühle ob dieser Nachricht erinnern: "Für ein gutes Team muss man die richtigen Leute haben, und die suche ich sorgfältig aus. Aber Michela bekamen wie einfach ...".

Schnee von gestern, denn schnell lernte er die humorvolle und quirlige Italienerin als "Troubleshooter auf höchstem Niveau" schätzen. "Was sie in die Hände nahm, konnte ich als erledigt abhaken." Dass er, für den Michela zur verlässlichen Assistentin wurde, damit auch zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung wurde, seine Fähigkeiten als Kulturmanager auf den Prüfstand kamen, hat er gar nicht richtig bemerkt.

"So richtig kapiert habe ich das erst, als sie mir jetzt die fertige Arbeit in die Hand gedrückt hat." Gelesen hat Giesen zwar noch nicht, was Michela geschrieben hat, - schließlich ist die Magisterarbeit in italienisch geschrieben -, aber er weiß: "Allein durch die Gespräche mit ihr habe ich mich ganz intensiv mit meiner Arbeit und der Rolle, die ich habe, auseinander gesetzt."

Und was sagt die frisch gebackene M.A. (Magister Artium) dazu? Bevor sie ihr Fazit verkündet, stellt die jüngst nach Bergamo zurückgekehrte junge Frau erst mal klar: "Für den neuen Berufs des Kulturmanagers gibt es noch kein schlüssiges Berufsbild. Für die einen ist der ökonomische Hintergrund entscheidend, für den anderen der künstlerische."

Ihrer Untersuchung zufolge sollte ein Kulturmanager eine Mischung an Fähigkeiten vorweisen: "Er muss sich in der Kunst auskennen, um Qualität zu erkennen; er muss Marketing und Ökonomie beherrschen, und er muss Menschenkenntnis haben, um Personal motivieren zu können."

Dr. Rainer Wiertz als Festivalleiter, der das Programm macht, und Giesen, der für Organisation und Ablauf verantwortlich ist, waren somit für sie die idealen Studienobjekte und haben sie beeindruckt: "Eigentlich", so sagt sie anerkennend, "ist Andreas vor seinem Werdegang her gar kein richtiger Manager, aber hat so viele Kompetenzen entwickelt, dass er in vielen Bereichen arbeiten könnte".

Der wissenschaftlich fundierten Würdigung der Arbeit Giesens und Wiertz' hat Michela im übrigen eine persönliche folgen lassen. Erneut war sie diesen Sommer beim Shakespeare-Festival dabei, hat Giesen wieder als Assistentin zur Seite gestanden.

Einen Tag Urlaub hat sie sich allerdings ausbedingen müssen: Denn die mündliche Prüfung für die Magisterarbeit stand in der letzten Woche des Shakespeare-Festivals, am 24. Juni, an. Für die junge Italienerin steht indes jetzt schon fest: "Wenn ich im nächsten Sommer keinen festen Job habe, werde ich wieder nach Neuss kommen."

(NGZ)
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