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Neuss: Wirte müssen Gastgeber sein

Neuss : Wirte müssen Gastgeber sein

Wer nichts wird, wird Wirt: Kaum ein Satz ist so überholt wie dieser. Denn die Gastronomie verlangt heute mehr denn je nach dem kundenorientierten Manager und Dienstleister. Über ein Berufsbild im Wandel.

3000 Kneipen in NRW vor dem Aus; hitziger Streit um Rauchverbot, steigende Bierpreise, Promille-Diskussion und immer mehr Restriktionen — die Gastronomie mag diese Szenarien schon gar nicht mehr hören. Denn das alles ist nicht gut für's Geschäft. Ein weiterer Grund dafür, dass die Gäste nicht mehr in Dreierreihen an der Theke stehen: Umfeld und Menschen haben sich geändert.

Wie sich das in Neuss im Laufe der Jahrzehnte bemerkbar gemacht hat, weiß Dieter Heinz (68), Ehrenvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gasstättenverbandes (DeHoGa) im Rhein-Kreis: "Im Hauptstraßenzug sind Lokale wie Bunter Ochse, die alte Bürger, Tanzcafe Stempel oder das Schwarzwaldstübchen längst verschwunden." Doch das sei nicht nur an steigenden Mieten festzumachen. So war freitags "Lohntütenball" und der Vater genehmigte sich nach Feierabend mindestens ein Bierchen.

Und heute? "Mit der Einführung des Girokontos und der Scheckkarte hatte sich Bares und damit offensichtlich immer öfter der Besuch der Lieblingskneipe erledigt", sagt Heinz. Frühschoppen seien im Laufe der Zeit immer weniger besucht worden, Stammtische altern, man spielt am Flipperautomaten kein Bier mehr aus. Denn die gibt es meist gar nicht mehr. Und die Jugend zeige ein verändertes Ausgeh- und Freizeitverhalten. "Vielleicht, so Heinz, "ist auch generell etwas weniger Geld im Portemonnaie."

Dabei biete die Neusser Gastronomieszene auch heute noch von der Eckkneipe bis zum Gourmet-Tempel für jeden etwas. Zudem habe das Angebot auf dem Markt die Bilanz positiv beeinflusst. Heinz: "Doch während die gehobene Gastronomie Sterne sammelt und In-Kneipen für Jugendliche attraktiv sind, weht den kleinen Kneipen und Gaststätten aufgrund hoher Fixkosten und restriktiver Vorgaben heftiger Wind ins Gesicht." Wie diese trotzdem über die Runden kommen? "Der Kunde ist König. Das sollte der Leitfaden sein. Ein Wirt muss kommunikativ, gleichbleibend freundlich und ehrlich sein. Den Fußballfans eine Plattform bieten und zu besonderen Anlässen den Stammgästen auch einmal ein Extra. Oder mit ihnen etwas unternehmen."

Für Michael Schatten, Vorstandsmitglied der Initiative Innenstadt-Gastronomen, ist der richtige Umgang mit den Gästen ein wichtiges — weil auch beeinflussbares - Kriterium für den geschäftlichen Erfolg: "Wirte und Personal müssen gute Gastgeber sein. Man kommt als Gast und geht als Freund. Wenn dies gelingt, ist das schon die halbe Miete." In diesem Jahr führt der 50-Jährige seit zehn Jahren das "Rheingold" und kann nur jedem Kollegen raten, bei Problemen mit den Interessenvertretungen zu reden und sich beraten zu lassen. Manchmal nütze noch so viel Kreativität und Engagement wenig. Aber es gebe Ansätze, wie zum Beispiel die "Lokalrunde" mit Live-Musik in Innenstadtlokalen — bei freiem Eintritt.

(NGZ/rl)