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Neuss: Wirte machen Druck gegen Rauchverbot

Neuss : Wirte machen Druck gegen Rauchverbot

Nach dem "schlechtesten Mai seit 50 Jahren" schlagen Wirte Alarm. Sie greifen Rot-Grün und ihren eigenen Verband an.

Roland Kehl empfindet es als "starkes Stück", was er da liest: "Endgültig furchterregend ist die ,grüne Saat', die zur braunen verkommen ist und jetzt aufgeht." Der Satz stammt aus einem offenen Brief, den Marienbildchen-Wirt Michael Bott verfasst und in seinem Lokal auslegt hat. Grünen-Chef Kehl will die "unsachliche" und "grenzwertige" Stellungnahme zum Nichtraucherschutzgesetz in der kommenden Woche im Partei-Vorstand beraten lassen. Er schließt eine rechtliche Prüfung nicht aus.

Werden die Zahlen schlechter, wird der Ton rauer. Die alte Binsenweisheit bewahrheitet sich aktuell einmal mehr. "Das war für die Neusser Gastronomie wirtschaftlich der schlechteste Mai seit 50 Jahren", wettert der Ehrenvorsitzende der Neusser Wirte, Dieter Heinz. Schuld ist in seinen Augen die rot-grüne Landesregierung, die mit ihrem Nichtraucherschutzgesetz am Maifeiertag ein absolutes Rauchverbot in allen gastronomischen Betrieben perfekt machte. "Die kleinen Kneipen gehen kaputt", sagt Heinz.

Die mehr als 100 Neusser Wirte, die im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) organisiert sind, geben sich wild entschlossen, noch einmal mobil zu machen. Dabei greifen sie nicht nur die Politik von Rot und Grün scharf an, sondern legen sich auch mit dem eigenen Verband an. "Den Dehoga müssen wir Wirte zum Jagen tragen", schimpft Heinz.

Die Wirte werfen vor allem der hauptamtlichen Dehoga-Führung — mit Sitz an der Hammer Landstraße — zurückhaltende Informationspolitik und mangelnde Konfliktbereitschaft gegenüber der Landesregierung vor. "Dabei sind der Verband wir, jeder einzelne Wirt", sagt der Neusser Wirte-Sprecher Michael Schatten. Er hat seine Kollegen zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eingeladen: Donnerstag, 27. Juni, um 15 Uhr im Dehoga-Center im Neusser Hafen.

Michael Erb, Dehoga-Sprecher im Rhein-Kreis, setzte im Schulterschluss mit dem Nordrhein-Präsidenten Henning Graf von Schwerin durch, dass der Verband noch einmal vehement "die Bevormundung der Bürger durch Rot-Grün" anprangert. Ironisch sagt Erb: "Wir haben keine Chance, aber die werden wir nutzen." Ziel sei es, unüberhörbar für die Interessen der Wirte einzutreten. Erb regt eine große Raucher-Demo auf dem Marktplatz an, für die er Bürgermeister Herbert Napp, der bereits am vergangenen Samstag auf einer Demonstration gegen das Nichtraucherschutzgesetz in Düsseldorf gesprochen hatte, sowie Schützen und Karnevalisten gewinnen will: "Ich gehe schnell auf die Brauchtumsvereine zu."

Dehoga-Sprecher Thorsten Hellwig versucht, die Wogen zu glätten. "Wir werden dieses schlechte Gesetz weiterhin schlecht nennen", sagt er, "wir müssen aber auch akzeptieren, dass es im Wesentlichen rechtmäßig ist." Das gebiete der demokratische Konsens.

Derweil kämpft Michael Bott im Marienbildchen seinen Kampf gegen das Gesetz weiter: "Ich verstehe den Ärger der Grünen über meinen offenen Brief. Ich will sie aber nicht in die rechte Ecke stellen." Hellwig geht auf Distanz: "Man kann dieses absolute Rauchverbot in der Gastronomie, die Bevormundung und die Ansätze von Denunziantentum kritisieren, aber wir als Dehoga-Nordrhein, lehnen jegliche Vergleiche mit dem NS- und anderen totalitären Regimen kategorisch ab."

(NGZ/rl/anch/url)