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Neuss: "Wir öffnen unsere Herzen für Neues"

Neuss : "Wir öffnen unsere Herzen für Neues"

Die Bürgergesellschaft ist 150 Jahre alt, hatte bislang zehn Präsidenten. Sie, Herr Werhahn, sind der elfte und bislang zwei Jahre im Amt. Bei Ihren Vorgängern waren es im Schnitt 15 Jahre. Sind Sie also 2024 noch Präsident?

Die Bürgergesellschaft ist 150 Jahre alt, hatte bislang zehn Präsidenten. Sie, Herr Werhahn, sind der elfte und bislang zwei Jahre im Amt. Bei Ihren Vorgängern waren es im Schnitt 15 Jahre. Sind Sie also 2024 noch Präsident?

J.-Andreas Werhahn Das glaube ich nicht. Die Verweildauer im Amt war ja sehr unterschiedlich. Hermann Wilhelm Thywissen mit seinen großen Verdiensten für die Bürgerschaft war mit 50 Jahren sicherlich ein positiver Ausreißer.

Inwieweit sind Tradition und Nachhaltigkeit noch wichtiger Teil des Erfolgsgeheimnisses der "Bürgergesellschaft"?

Werhahn Die Bürger war von Natur aus nachhaltig, weil die Mitglieder in der Regel viele Kinder hatten. Häufig kam der Nachwuchs für die Bürger also aus dem Familien- und Freundeskreis. Nachhaltigkeit war früher mit einer Selbstverständlichkeit belegt wie es heute nicht mehr der Fall ist. Wir müssen daher künftig eine neue und integrative Leistung erbringen, nämlich auch nicht gebürtige Neusser und die Jugend für uns begeistern. Unsere eigenen Kinder gehen nach draußen. Wir haben unsere Herzen und Türen geöffnet für Neues.

Marina Stappen Daher sind uns auch unsere Kinderveranstaltungen besonders wichtig. Sie sind die Zukunft der Gesellschaft. Darüber erreichen wir die Familien. Diese Veranstaltungen sind immer für Gäste offen.

Was kann die "Bürger" für Frauen leisten?

Stappen Die "Bürger" ist eine der wenigen Gesellschaften und Vereine, in die auch Frauen eintreten und sich engagieren können. Man wird akzeptiert, lernt Leute kennen und kann auch allein hier herkommen und seinen Abend verbringen. Es kann sogar sein, dass der nächste Präsident eine Frau ist.

Werhahn (lacht) Ich wollte ohnehin meine Enkelin Leah als Präsidentin vorschlagen. (Leah ist gerade fünf Monate alt, Anm. der Redaktion)

Jens Metzdorf Anstelle des berühmten "Herrenessens" veranstaltet die Bürger inzwischen ja auch das jährliche "Mitgliederessen" für alle Männer und Frauen, die der Gesellschaft angehören.

Gegründet als Sammelbecken der Katholiken, erfolgte später die Öffnung hin zu christlichen Werten. Inwieweit ist die "Bürgergesellschaft" werteorientiert?

Werhahn Ein Wert war immer und ist noch heute der Glaube, egal ob katholisch oder evangelisch. Das habe ich etwa zum Anlass unserer 150-Jahr-Feier erlebt, als in der NGZ stand, dass es für uns selbstverständlich ist, vor dem Essen zu beten. Das war das erste Mal — und ich mache seit mehr als 30 Jahren Pressearbeit —, dass mich Leute angerufen haben, und gesagt haben: "Das musste mal gesagt werden."

Die "Bürger" ist evangelisch und sie ist katholisch. Also ist sie nicht ökumenisch?

Werhahn Die Menschen sind entweder evangelisch oder katholisch aber sie sind nicht beliebig. Ihre Positionen sollen sie behalten und behalten dürfen. Wir missionieren nicht. Wir nehmen ja zum Beispiel auch an der St. Michaels-Vesper teil. Aber wir gehen dorthin als Katholiken und als Protestanten.

Herr Metzdorf, Sie sind das einzige evangelische Mitglied des Vorstands...

Metzdorf ...und das ist heute erfreulicherweise für die meisten selbstverständlich. Zur Zeit meiner Eltern und Großeltern war das noch anders, da evangelische Christen noch nicht offen als Mitglieder eingeladen waren. Mit der Öffnung der "Bürger" im Jahr 2000 ist aber ein deutliches Signal an alle engagierte Christen in Neuss gesetzt worden. Ich erlebe die "Bürger" heute also ganz anders und kenne sie von Innen. Da gibt es ein christliches Miteinander und daher hoffentlich auch keine Schwellenangst mehr.

Neuss wird als bürgerlich und katholisch empfunden. Flacht das ab?

Werhahn Das soziale Denken, dass uns der Nachbar noch wichtig ist, das verflacht tatsächlich. Wir sind eine Gruppierung, die sich genau dagegen stemmt. Ob das gelingt? Diese Frage stelle ich mir gar nicht. Wir dürfen nicht scheitern.

Was macht die "Bürgergesellschaft" außerdem noch aus?

Werhahn Die kritische Diskussion. Sich zu reiben ist sehr wichtig. Aber wir gehen danach ein Bier miteinander trinken. Im Kern kann man sich hier sicher sein, dass sein Gegenüber einen nicht verletzen will. Wichtig ist, zu merken, dass man einen Rückhalt hat, wenn man sich für etwas engagiert.

Ist die "Bürger" reines Diskussions-Forum oder auch Sprachrohr, das auch eine Meinung vertritt?

Werhahn Da wir so bunt sind, kann ich mir gar nicht vorstellen, für alle Mitglieder zu sprechen. Wenn ich mich positioniere, dann als Mensch Andreas Werhahn. Wir können ohne Partei-Politik mit den Bürgern diskutieren und Ideen dann in die Politik tragen. Wir müssen nicht im Vierjahreszyklus denken. Wir packen auch Dinge an, deren Ergebnisse wir erst in 20 Jahren sehen.

Ihre Homepage geht bald online. Ein weiterer Schritt in die Zukunft?

Meztdorf Ja, da arbeiten wir intensiv dran. Aber wir haben gemerkt, dass viele, auch gerade die Jüngeren, die persönlichen Einladungen über dem Postweg schätzen. Internet kann nur ein Kommunikationsweg von vielen für uns sein.

Désirée Linde fasste das von Ludger Baten geführte Gespräch zusammen.

(NGZ)