Neuss: "Wir haben die Wahl"

Neuss : "Wir haben die Wahl"

Jost Guido Freese ist philosophischer Berater und spricht im Interview vor der Landtagswahl über abnehmende Wahlbeteiligung und darüber, wie der Einzelne politisches Handeln mitgestalten kann.

Herr Freese, immer weniger Menschen machen vom Wahlrecht Gebrauch. Was würde Sokrates dazu sagen?

Jost Guido Freese Für einen Bürger Athens war es selbstverständlich, sich an Wahlen zu beteiligen. Allerdings gibt es ja einen entscheidenden Unterschied unserer Demokratie zur altgriechischen, und zwar den der Repräsentation und ich denke, dass die Menschen, die nicht wählen gehen, wohl weniger mit dem Wahlrecht Probleme haben als vielmehr mit dem Prinzip der Repräsentation. Sie fühlen sich nicht gut vertreten.

Ein häufiges Argument gegen das Wählen besagt, dass viele Entscheidungen nicht in Parlamenten sondern in Vorstandsbüros getroffen werden.

Freese Dass es eine Tendenz dazu gibt, kann man nicht ganz verneinen. Natürlich gibt es sehr mächtige und weltweit agierende Lobbyistengruppen, die nicht sonderlich transparent sind. Aber ganz so machtlos sind Parlamentarier auch nicht, denn sonst würden die Lobbyisten ihr Geld lieber anderweitig ausgeben als für die Versuche, parlamentarische Entscheidungen zu beeinflussen. Wer die Finanzierung der Parteien kritisiert, hat ja sehr viele Möglichkeiten, herauszufinden, wer von wem finanziert wird.

An welchen Prinzipien sollte sich Wähler aus philosophischer Sicht orientieren?

Freese Rousseau sagt, es geht darum, das zu wählen, was für die Allgemeinheit das Wichtigste ist, nicht das, was einem persönlich Vorteile bringt. Ich denke, das entspricht auch dem, was die meisten Menschen tun. Wir sind nicht alle Egoisten und es gibt viele Beispiele dafür, dass Menschen auch und gerade in Notsituationen im Sinne der Allgemeinheit handeln. Denken Sie nur an die Reallohnverluste, die die Menschen mit Blick auf einen wirtschaftlichen Aufschwung hingenommen haben.

Bedeutet der Rückgang der Wahlbeteiligung auch einen Verlust an Mündigkeit und damit einen Rückschritt?

Freese Es gibt auch aufgeklärte Wahlabstinenz. Wenn die Leute nichts finden, was sie wählen können, bleibt ihnen die Wahl, entweder das kleinste Übel zu wählen oder gar nichts. Grundsätzlich halte ich es für falsch, vom dummen Wähler zu sprechen. Wenn die Politiker nichts auf die Beine stellen, liegt das an der politischen Klasse und man sollte nachdenken, wie man den Wählern bessere Angebote macht.

Wie lässt sich politisches Handeln besser gestalten?

Freese Es gibt viele Möglichkeiten zur Gestaltung, das Problem ist allerdings, dass die Bürger sich nicht beteiligen. Hier wäre es sinnvoll, wenn sich mehr Menschen einmischen würden. Zum Beispiel bei der Energiewende, bei der das Prinzip, global zu denken und lokal zu handeln ja Voraussetzung des Gelingens ist. Das kann allerdings nur gelingen, wenn viele Bürger sich einbringen, mit Ideen, Konzepten, Entschlossenheit und Interessengruppen. Rathäuser sind offene Häuser und es gibt viele Wege, mitzuentscheiden. Wir haben die Wahl und dafür braucht man nicht einmal Internet sondern das könnte beginnen mit Gesprächen am Gartenzaun.

Dagmar Kann-Coomann führte das Interview.

(NGZ)
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