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Neuss: Wie eine Geisterbahn entsteht

Neuss : Wie eine Geisterbahn entsteht

Das größte Fahrgeschäft der Kirmes passt auf zwölf Trucks: Die "Geister-Schlange" der Familie Lehmann wird derzeit vom Stahlgerippe zur Gruselbahn. Für die Abendstunden verpflichtet Emil Lehmann gar "lebendige" Geister.

Die Zähne des Ungeheuers schwanken bedenklich hin und her. Ein Arbeiter greift nach den überdimensionalen Beißern und hält sie fest. Langsam steuert Edgar Lehmann den Kran, an dem der Teil des Monstrums hängt, nach vorn und lässt die Zähne zu Boden sinken. Seine Helfer werden sie später an die Fassade montieren. Damit aus dem riesigen Stahlgerüst ganz im hinteren Teil des Kirmesplatzes das größte Fahrgeschäft auf der Neusser Kirmes wird: die Geisterbahn, genannt "Die Geister-Schlange".

Beim Säubern der Fassadenteile spritzt das Wasser auch mal daneben. Foto: Woitschützke, Andreas

Das Ungetüm ist seit mehr als 30 Jahren im Besitz der Familie Lehmann. Lehmann — das ist Geisterbahn, so ist es im Schaustellergewerbe bekannt. "Es gibt auch Schausteller, die wechseln mal, haben mal ein Riesenrad, mal einen Autoscooter und mal eine Achterbahn, aber mein Vater hat immer gesagt: ,Schuster, bleib bei deinen Leisten'", erzählt Emil Lehmann (61). Er ist bei seinen Leisten geblieben. Bereits in der vierten Generation bereisen die Lehmanns mit ihrer Geisterbahn die großen Kirmesplätze des Bundesgebiets. Gerade kommen sie von der Cranger Kirmes, direkt nach der Neusser geht es weiter zum Bonner Pützchenmarkt.

Bei Vater, Sohn und den sechs Helfern sitzt jeder Griff. Drei bis vier Tage brauchen sie, um aus den vielen Einzelteilen erst ein Geisterbahnskelett und schließlich die fertige Geisterbahn mit Skelettnachbildung am Eingang zu machen. Dabei sind die Tage derzeit für das Team noch kurz: Alle arbeiten von acht bis 18 Uhr, zur Zeit der Krimes geht's erst um 9 Uhr los, dann allerdings mit offenem Ende.

Mit 14 Trucks sind die Lehmanns am vergangenen Mittwoch auf dem Neusser Kirmesplatz angekommen. Zwei der Trucks sind für die Familie und die Arbeiter reserviert, die anderen für die Geisterbahn: für die ungezählten Meter an Kabel, die Stangen, die Bodenplatten, die Fassadenteile aus Polyester — inklusive der Ungeheuerzähne — und natürlich das gesamte Innenleben.

Das reicht vom Zyklop, der sich — wenn alles läuft — nach vorn beugt, als wolle er die Geisterbahnwagen umschlingen, bis zum Sträfling mit blutigem Gesicht. Ab 19 Uhr am Abend wird die Lehmannsche Geisterbahn dann sogar von lebendigen Geistern heimgesucht. Dann spielen Komparsen an der Strecke den Bösewicht — mit Maske und Dracula-Umhang. "Die Kinder haben zwar davor nicht mehr so viel Angst wie früher, aber es gehen doch noch viele in die Geisterbahn", sagt Lehmann Senior.

Er selbst kann sich noch genau erinnern, wie er im Alter von drei Jahren zum ersten Mal durch die Bahn des Vaters gefahren ist — und so gar nicht bibberte, weil er die ganzen Figuren schon vom Aufbauen kannte. "Da habe ich mich als kleiner Junge natürlich gerühmt, dass ich keine Angst hatte", sagt Lehmann und lacht. Das könnte auch für die nächste, dann fünfte Geisterbahn-Generation so laufen. Denn die Freundin von Sohn Edgar (34) ist schwanger.

(NGZ)