Neuss: Wie das Globe nach Neuss kam

Neuss : Wie das Globe nach Neuss kam

Es hatte was von Konspiration und Chuzspe, als sich zu Beginn der 1990er Jahre einige Neusser zusammenhockten und fast im Handstreich ein ungewöhnliches architektonisches Gebilde nach Neuss holten: ein Globe, eine Holz- und Stahlkonstruktion mit Bühne und Zuschauerrängen im Halbrund um die Bühne herum.

Technisch gesehen, ein "fliegender Bau", und fast ist man versucht zu sagen: gut so, sonst hätte er nie den Weg nach Neuss geschafft.

In vier Monaten drängeln sich im Globe wieder die Menschen, 14 500 Zuschauer werden bei der 22. Auflage des Shakespeare-Festivals erwartet. Foto: Stadt Neuss

Wenn Klaus Harnischmacher, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Rudolf Küppers oder Norbert Kentrup davon erzählen, wie sie damals erstens an das Globe kamen, und zweitens den Holzbau den Neussern schmackhaft machten, geht der Blick gerne in die Ferne, legt sich ein amüsiertes Lächeln um die Lippen, und der verschmitzte Blick aus funkelnden Augen korrespondiert mit dem leisen Stolz in der Stimme. Zweifellos konnte keiner von ihnen damals erahnen, welche Erfolgsgeschichte das Globe für Neuss schreiben würde, aber heute — 21 Jahre, 486 Vorstellungen und 201 747 Besucher später — kann keiner mehr daran zweifeln.

Foto: Maurice Kaufmann

Dass eines Tages vier Wochen lang Compagnien aus aller Welt sich die Klinke der Globe-Doppeltür in die Hand geben würden; dass jedes Jahr Tausende von Besuchern an die Rennbahn pilgern, um "Romeo und Julia" in französisch zu hören oder den "Sommernachtstraum" in koreanisch zu erleben — wer hätte daran auch denken können, als der dicke Falstaff zur Eröffnung 1991 mit den "Lustigen Weibern von Windsor" dort schäkerte?

Die Globe-Initiatoren Klaus Harnischmacher (r.) und Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff mit einem Model des Globe 1991 (l.) Architekt Rudolf Küppers konnte sich damals vorstellen, wie der heutige Holzbau an der Rennbahn (Mitte) wirken würde und hielt das in einer Zeichnung fest (r.). Foto: Woi(l.)/Maurice Kaufmann (M.)/privat

Ohnehin war ja eigentlich nur an ein Theaterspektakel auf dem Münsterplatz gedacht. Damit "Monsignore Oberpfarrer" endlich merkt, dass die Münsterkirche mitten im Dorf steht und dort auch zu bleiben hat, wie Grosse-Brockhoff in einem Buch zur Neusser Globe-Geschichte den Verursacher des Ganzen zitiert: Klaus Harnischmacher.

Der war damals nämlich Vorsitzender des Bauvereins und wollte zu dessen 100-jährigem Bestehen "kein übliches Sektchentrinken im Zeughaus unter Bekannten, die sich sowieso drei Mal die Woche sehen", sondern etwas für die Stadt und ihre Bewohner tun.

Und wer weiß, vielleicht hätten die "Lustigen Weiber" ihren Schabernack nur in einer einmaligen Aktion auf dem Münsterplatz getrieben, wenn nicht in Bremen kurz zuvor der gebürtige Neusser Norbert Kentrup — er hatte gerade die "bremer shakespeare company" gegründet — seinen Schulfreund Hans-Heinrich, damals auch Neusser Kulturdezernent und Stadtdirektor in Personalunion, beim abendlichen Flanieren — um nicht zu sagen Kneipenbummel — auf den Papierschnittbogen eines Globe aufmerksam gemacht hätte.

Ein maßstabsgerechter Nachbau, der seit zwei Jahren ungenutzt in Rheda-Wiedenbrück herumstand, mit Platz für 500 Zuschauer und für 1,5 Millionen Mark zu kaufen. (Da gab es zwar einen Theaterintendanten in Nürnberg, der lange Zeit alles dransetzte, das Globe in seine Stadt zu holen, aber gegen Verwaltungseinwände und baulichen Bedenken nicht angekommen war.)

Eine Entdeckung also, die das Scheitern der eigentlichen Mission Grosse-Brockhoffs zur Nebensache machte. Denn eigentlich wollte er Kentrup als Intendant für das RLT gewinnen. (Dass das nicht klappte, erwies sich im Nachhinein wiederum als Glücksfall für den besagten Nürnberger Intendanten, denn der eilte mit fliegenden Fahnen nach Neuss, um das Globe zu bespielen, das RLT zu leiten und zwölf Jahre zu bleiben — Burkhard Mauer.)

Dieses Globe also spukte in Grosse-Brockhoffs Kopf herum, als er sich erneut auf dem Weg nach Bremen machte — zusammen mit Klaus Harnischmacher und dem Architekten Rudolf Küppers, um mit Kentrup und seiner Company über den geplanten Auftritt vor dem Neusser Münster zu verhandeln.

Das Bild vom Globe vor dem Münster muss dann allen recht plastisch vor Augen gestanden haben, denn schon auf der Rückfahrt, so hat es Grosse-Brockhoff später festgehalten, wurde im Speisewagen "nach diesmal dem dritten Piccolo" der Vorsatz gefasst, am bevorstehenden Altweiberdonnerstag mit einem Bus nach Rheda-Wiedenbrück zu fahren, um "das Objekt der Begierde zu besichtigen und zu kaufen". Natürlich im Schlepptau jene, die fachlich notwendig waren für die Umsetzung dieser — wahlweise — "dummen Idee" (Harnischmacher) oder "Wahnsinnsidee" (Grosse-Brockhoff). "Wir waren alle ein bisschen gaga", erinnert sich Harnischmacher immer gerne und mit großem Vergnügen an die Aktion. Sicherheitshalber reiste dann auch ein Fass Bier mit.

Der Gedanke, das hölzerne Bühnenhaus nur zu leihen, wurde nur gestreift: "70 Tonnen Stahl ab- und auf bauen? Das kostet locker 500 000 Mark" — Harnischmacher und die anderen waren sich da schnell einig. Eitel Sonnenschein herrschte aber, als der Kaufpreis auf 637 000 Mark gedrückt werden konnte — von Folgekosten war lieber gar nicht die Rede. Etwas, das Grosse-Brockhoff noch Jahre später in der Erinnerung fast Schweißperlen auf die Stirn trieb ...

Das Geschäft wurde per Handschlag perfekt gemacht; nun fehlte nur noch die Zustimmung des Stadtrats — und die Antwort auf die Frage, wo das ganze Geld herkommen sollte. Bürgermeister Bertold Reinartz hatten die Globisten auf ihrer Seite, und vielleicht ist es ja auch seiner "flammenden Eröffnungsrede" (Harnischmacher) zu verdanken, dass eine Mehrheit im Rat für den Kauf stimmte.

Genauer: eine Ein-Stimmen-Mehrheit. Vermutlich mochten längst nicht alle Ratsmitglieder glauben, dass unter "Folgekosten für die Stadt" ein deutliches "keine" vermerkt war.

Gleichwohl: Der Kauf des Globe war genehmigt; es wurde nach Neuss transportiert, aber dann doch lieber an der Rennbahn aufgestellt — mit Hilfe vieler Spenden von Neusser Unternehmen und Familien und der tatkräftigen Mithilfe von Handwerkern und Firmen. "Im richtigen Moment haben die richtigen Leute die richtige Entscheidung getroffen", kommentiert der Neusser Kulturreferent Rainer Wiertz gerne die Globe-Geschichte.

Die für ihn zudem noch ein persönliches Happy End hatte: Denn er wurde der Leiter des Shakespeare-Festivals, dem schon im Sommer 1991 mit nur einer Produktion (besagte "Weiber") prophylaktisch die Ziffer 1 vorangestellt wurde. Denn: "Wer ein erstes macht, muss auch ein zweites machen."

Vom 7. Juni bis zum 7. Juli findet nun die 22. Auflage des Shakespeare-Festivals statt.

(NGZ/rl)