Neuss: Wie das Frauenbild vor 100 Jahren war

Neuss : Wie das Frauenbild vor 100 Jahren war

Der Weltfrauentag war der NGZ 1913 nicht der Rede wert – denn die Emanzipation steckte noch in den Anfängen.

Der Weltfrauentag war der NGZ 1913 nicht der Rede wert — denn die Emanzipation steckte noch in den Anfängen.

Vor 100 Jahren war der Frauentag in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung alles andere als weiblich: "Die großen Männer der großen Zeit" titelt unsere Zeitung am 8. März 2013, denn viel wichtiger als der Tag der Frau war den Redakteuren der Vorkriegszeit ein Appell an den Patriotismus, der mit einem Blick in die Geschichte an den Widerstand gegen Napoleon erinnerte und mit einem Gedicht das "schöne deutsche Vaterland" bejubelte.

Die Zeitung, die damals 50 Pfennig pro Monat kostete, hatte immerhin eine wöchentliche "Frauen-Kolumne", die sich allerdings auf Modefragen beschränkte. Politik und Wirtschaft, das waren 1913 Männerdomänen, Frauen kamen höchstens in den Werbeanzeigen vor, immer dann, wenn es ums Kochen und Backen ging. In den Stellenanzeigen suchten "brave katholische Mädel" Stellen in Neusser Haushalten, ein paar Seiten weiter fanden die Leser Loblieder auf die Mutterliebe.

Zwei Jahre gibt es den im Jahr 1911 ins Leben gerufenen Frauentag zu diesem Zeitpunkt bereits, es wird aber noch dauern, bis die Frauen am 19. Januar 1919 zum ersten Mal auf nationaler Ebene wählen dürfen. Noch sind die Autoren von dem Frauenbild der Jahrhundertwende geprägt: Tugendhaft, rein und freundlich soll das weibliche Geschlecht sein. Und so gibt es für die Leser am 8. März 1913 eine "Erzählung aus der Damenwelt". Die Geschichte stamme aus dem Tagebuch eines "älteren Fräuleins" im Alter von dreißig Jahren, heißt es darin. In dem Text offenbart die Tagebuchschreiberin, eifersüchtig auf ein jüngeres, hübscheres und geistreicheres Mädchen zu sein. Das — so die Moral der Geschichte — darf nicht sein, denn Eitelkeit, Stolz und Neid geziemen sich für ein "gutes Fräulein" nicht.

Erste Anzeichen für Veränderungen des Frauenbilds gibt aber auch. So ist zu lesen, dass sich die Lebenswirklichkeit verändert und für Frauen nicht mehr nur "Kinder, Küche, Kirche" zählen. So schreibt die 1874 gegründete NGZ am 7. März 1913, dass die "Arbeit in Heim und Haus vielen arbeitsfreudigen Mädchen nicht mehr die Gewähr eines standesgemäßen Auskommens" biete. Viele dieser Mädchen müssten nun "gleich dem Manne hinaus ins feindliche Leben", schreibt der Autor, der in seinem Beitrag davor warnt, dass viele dieser Frauen in die Kolonien abwandern könnten. Er zeigt Verständnis dafür, dass sich Frauen eine "selbstständige Existenz" wünschen. Und so ist der Artikel, geschrieben in einer sehr konservativen Ära, ein Vorbote dafür, wie sich die Gesellschaft wandelt — in Richtung der Emanzipation.

(NGZ/rl)
Mehr von RP ONLINE