Neuss : Wer spielt wen?

Neuss Andrew Schwartz hat wohl Recht: "Das ist wirklich verrückt", sagt der Schauspieler der Aquila Theatre Company, "so etwas Schweres habe ich noch nie gemacht". Vor jeder Vorstellung damit klar kommen, dass die Rolle sich ändert: Mal die Julia spielen, mal den Bruder Lorenzo - also müssen alle Schauspieler alle Texte von "Romeo und Julia" beherrschen.

Seit fast einem Jahr hat die New Yorker Truppe das Drama mit der ungewöhnlichen Spielpraxis schon im Spielplan, muss dennoch jedes Mal wieder proben, bevor sie wie am Freitag und am Samstag im Globe vor Publikum spielt.

Die Proben aber, so sagt Robert Richmond, der sowohl Regie führt wie auch auf der Bühne steht, sind das Schwierigste. Damit jeder alle Rollen permanent parat hat, wird in den Proben urplötzlich gewechselt: "Es kommt nämlich weniger auf das Spielen an als auf die Fähigkeit, sofort umzuschalten", erklärt Richmond. Warum aber überhaupt die Idee, das Drama jedes Mal mit einer neuer Rollenverteilung zu spielen?

Bevor Richmond auf die Frage eingeht, stellt er erst einmal klar: "So ein Projekt funktioniert nur, wenn man sehr gut aufeinander eingespielt ist, das Stück auf die gleiche Weise begreift und dadurch auch das Wesentliche jeder Rolle erfasst." Im Spiel, so führt er weiter aus, dürfe dann jeder der jeweiligen Rolle durchaus seine eigene Farbe geben.

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Der Grundstein für diese spezielle Aufführungspraxis wurde, so sagt er, durch den Auftritt der Company im Neusser Globe im vergangenen Jahr gelegt. "Wir waren so inspiriert von dem Bau und der Atmosphäre des Festivals, dass wir uns wieder ganz intensiv mit der reinen Spielpraxis auseinander gesetzt haben", sagt er.

Das "Wie" stand denn auch im Vordergrund, als "Romeo und Julia" ins Gespräch kam - das Stück von Shakespeare, das auf der ganzen Welt so bekannt sei, wie Richmond sagt, dass es keiner besonderen Erklärung bedürfe: "Wir wollen aber erreichen, das die Zuschauer es sehen wie beim ersten Mal."

Gleichzeitig ist es für ihn und seine Truppe auch das Stück, das wie kaum ein anderes des Dichters vor allem über den Text des Zuschauers Vorstellung von der Figur bestimmt: "Da ist es egal, ob eine Rolle von einem Mann, einer Frau, einem alten oder jungen Darsteller verkörpert wird."

Dass der ständige Rollenwechsel auch bei Shakespeares Komödien möglich wäre, bezweifelt Richmond jedoch: "Ohnehin ist es sehr schwer, komische Rollen zu spielen. Zudem ist da das Timing genauso wichtig wie der Text." 720 Konstellationen hat die Truppe für "Romeo und Julia" errechnet, erzählt Andrew Schwartz lachend, "und ehrlich gesagt: Wir haben nicht alle durchgespielt." Es bleibe also immer ein Restrisiko, gesteht auch Richmond grinsend.

Aber vermutlich mehr für den Schauspieler als für seinen Zuschauer. Für diesen beginnt der Spaß nämlich schon, wenn er die Rollen- und Darstellernamen aus dem Korb ziehen darf. Einziges Zugeständnis an die besondere Situation: Die Schauspieler werden in Gruppen eingeteilt, damit sich am Ende nicht einer noch selbst begegnet ...

Entsprechend der spielerischen Unwägbarkeiten ist die Ausstattung der Inszenierung sparsam gehalten. Hauben, Hüte oder Westen markieren mehr die jeweilige Spielfigur als dass sie sie kostümieren. "Zum Glück fallen im Stück sehr früh die Namen der Personen", sagt Andrew Schwartz lächelnd, "so dass der Zuschauer sowieso nicht lange rätseln muss, wen er gerade vor sich hat".

(NGZ)
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