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Neuss: Wenn Gewalt die Ehe bestimmt

Neuss : Wenn Gewalt die Ehe bestimmt

Lange hat Sophie Feldmann* Gewalt in der Ehe ertragen, ein Schicksal, das sie mit der ermordeten Saskia Sänger teilt. Das Familiendrama hat sie aufgewühlt – häusliche Gewalt werde zu wenig ernst genommen, meint Feldmann.

Lange hat Sophie Feldmann* Gewalt in der Ehe ertragen, ein Schicksal, das sie mit der ermordeten Saskia Sänger teilt. Das Familiendrama hat sie aufgewühlt — häusliche Gewalt werde zu wenig ernst genommen, meint Feldmann.

Sophie Feldmann* hat in ihrem Leben vieles richtig gemacht: Sie ist Akademikerin und arbeitet in einem hochangesehenen Beruf. Sie heiratete, bekam ein Kind, schaffte es, Beruf und Familie zu vereinbaren. Eine heile Welt, zumindest auf den ersten Blick. Denn Sophie Feldmann hat in einer Gewaltbeziehung gelebt, immer wieder wurde sie von ihrem Ehemann angegriffen, bis sie vor drei Jahren einen Schlussstrich zog.

Schmerzhafte Erinnerungen

Die Erlebnisse dieser Beziehung lassen sie nicht los, auch weil der Scheidung ein langwieriger Sorgerechtsstreit folgte, der sich bis heute hinzieht — ein Grund, warum Sophie Feldmann ihren wahren Namen nicht nennen möchte. Was sie in ihrer Beziehung erlebt hat, die Demütigungen, das Verzeihen, Trennungen und Rückkehr — die schmerzhaften Erinnerungen daran sind zurückgekommen angesichts des tragischen Familiendramas in Neuss, wo die häusliche Gewalt des Ehepaars Sänger polizeibekannt war und schließlich eskalierte.

Dass Gewalt in der Familie nicht ernst genommen wird oder wie im Fall der Todesschüsse in der Nordstadt quasi abgetan wird, weil die Gewalt sich nie gegen die Kinder gerichtet habe, macht Sophie Feldmann wütend. Auch dass in der Pressekonferenz der Polizei gesagt wurde, "das übliche Maß häuslicher Gewalt" sei nicht überschritten worden, hat sie maßlos geärgert.

"Das übliche Maß sollte gar keine Gewalt sein", findet die Enddreißigerin, die selbst erlebt hat, dass nicht nur die Schläge des Mannes demütigend seien können, sondern auch der Umgang damit. Mehrmals hatte sie vor ihrer Trennung die Polizei gerufen, doch die Beamten nahmen sie nicht ernst, weil keine sichtbaren Verletzungen zu sehen waren. Schütteln und Schubsen gehöre zum normalen Streit dazu, habe sie sich anhören müssen, erzählt Sophie Feldmann, die auch später, als sie sich trennte, weder beim Neusser Jugendamt noch beim Amtsgericht auf Verständnis stieß.

Während die Neusser Polizei von einem Einzelfall spricht — jede Form von häuslicher Gewalt werde äußerst ernst genommen, sagt Polizeisprecher Hans-Will Arnold — findet Sophie Feldmann nur für die Frauenberatungsstelle lobende Worte, während sie sich von Stadt und Polizei im Stich gelassen fühlt. Ihr Eindruck: Häusliche Gewalt wird unter den Tisch gekehrt, als Armutsphänomen abgetan, als etwas, an dem die Frauen selbst schuld sind, weil sie nach kurzzeitigen Trennungen wieder zum Mann zurückkehren. "Natürlich war es verantwortungslos", sagt Feldmann. Aber der Wunsch nach einer vermeintlich heilen Familie sei stärker gewesen.

Nicht zu vergessen die Scham, vor Familie und Bekannten zugeben zu müssen, was in der Beziehung geschehen war, warum die Trennung sein muss. Dafür braucht es Kraft. Sophie Feldmann hatte sie lange Jahre nicht. Sie zog erst einen Schlussstrich, als ihr Ehemann begann, ihr kleines Kind zu schlagen. "Als ich das gesehen habe, war alles vorbei", sagt sie. Ein letztes Mal rief Feldmann die Polizei. Ihr Mann wurde der Wohnung verwiesen — und das für immer.

* Name geändert

(NGZ/rl)