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Neuss: Wenn Familien Hilfe brauchen

Neuss : Wenn Familien Hilfe brauchen

Im Fall des Neusser Familiendramas war das Jugendamt eingeschaltet, doch ein Fall für die Familienpflege waren die Eltern offenbar nicht. Dennoch hätten sie Hilfe bekommen können: etwa mit dem Programm "Guter Start ins Leben."

Wenn es Familien allein nicht schaffen, wenn sie überfordert sind von ihrer Situation, wenn Gewalt eine Rolle spielt wie im Fall des Familiendramas in der Nordstadt, schaltet sich das Jugendamt ein.

"Hilfen zur Erziehung" nennen Fachleute das, was an Intervention möglich ist bei Müttern und Vätern, die Probleme haben in ihrem täglichen Alltag. Mehr als 500 Fälle zählt das Neusser Jugendamt derzeit, bei denen Familienpfleger eingesetzt werden. Sie gehen in die Familien, betreuen Eltern und Kinder. Wird das Angebot nicht angenommen, oder eskaliert die Situation, geben sie den Hinweis, dass die Kinder in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht werden müssen.

"Wenn Eltern, die Probleme haben, früh unterstützt werden, kann größerer Schaden abgewendet werden", sagt Gaby Demming vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF). Der Verband engagiert sich seit Jahren mit dem Programm "Guter Start ins Leben" für ein Patenprojekt, das Mütter und Väter auffängt, die Hilfe brauchen. Damit setzt der SKF an, bevor die Erziehungshilfe des Jugendamts greift.

"Wir sorgen vor, damit solche schrecklichen Ereignisse wie in der Nordstadt verhindert werden", sagt Demming, die einschränkt: Ein Allheilmittel sei die Betreuung durch die Paten nicht, aber sie sorge für Stabilität. "Außerdem haben die Paten Einblicke in die Familien, im Ernstfall wird das Jugendamt informiert", sagt Demming, die immer auf der Suche ist nach neuen Ehrenamtlern, die sich als Paten engagieren. "Der Bedarf ist da, viele Eltern erkennen, dass sie Hilfe brauchen", sagt die Sozialarbeiterin.

Eine der Paten des Programms "Guter Start ins Leben" ist Sigrid van Dyk. Seit vier Jahren betreut die 61-Jährige eine sechsköpfige Familie in der Neusser Nordstadt. Damals lernte die gelernte Erzieherin eine Mutter kennen, deren Selbstbewusstsein am Boden war. "Ich war überfordert", erzählt die 32-jährige Aileen Schmitz (Name geändert). Die junge Mutter hatte zwei Kinder, Zwillinge zudem, war erneut schwanger. "Mein Mann war den ganzen Tag arbeiten, und ich kam hochschwanger kaum vor die Tür", erzählt die junge Frau, die heute vier Kinder hat.

Sigrid van Dyk kam, um zu helfen, entwickelte sich zur wichtigsten Ansprechpartnerin für Aileen Schmitz. Deren Familie hatte den Kontakt zu ihr abgebrochen. "Meine Eltern konnten meinen Kinderwunsch nicht akzeptieren", erzählt die 32-Jährige, die durch die Betreuung Selbstsicherheit gewonnen hat. Sie hat ihre familiären Probleme angepackt. "Vielleicht hätte das der Familie in der Nordstadt auch geholfen", meint die junge Mutter, die heute froh darüber ist, dass sie den Schritt gewagt hat, Hilfe zu suchen.

(NGZ/rl)