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Neuss: Wenn der Vater mit dem Sohn

Neuss : Wenn der Vater mit dem Sohn

In ihrer Theatercollage "Väter und Söhne" widmen sich Peter Wallgram und Barbara Noth im RLT dem wohl kompliziertesten männlichen Beziehungsgeflecht. Mal vergnüglich, mal sinnierend – immer aber sehr erhellend.

In ihrer Theatercollage "Väter und Söhne" widmen sich Peter Wallgram und Barbara Noth im RLT dem wohl kompliziertesten männlichen Beziehungsgeflecht. Mal vergnüglich, mal sinnierend — immer aber sehr erhellend.

Der Geist des Vaters will Rache, aber Hamlet ist beschäftigt. Da kann das Wesen aus der anderen Welt noch so dröhnen "Wenn du je deinen teuren Vater liebtest, räch' seinen schnöden, unerhörten Mord!" — Hamlet räumt lieber weiter auf, lediglich ein beschwichtigendes "Ja, ja" murmelnd. Mit diesem Dänenprinzen wäre Shakespeares Geschichte schon zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat — was dann auch so eintrift.

Aber das vermutlich berühmteste Vater-Sohn-Gespann der Bühnengeschichte darf natürlich nicht fehlen in einer Theater-Collage, die sich mit dem zwar von der Natur gegebenen, aber hochkomplexen Beziehungsgeflecht zwischen Vater und Sohn beschäftigt. Nur dass Autor Peter Wallgram und Dramaturgin Barbara Noth damit ganz lässig umgehen, die Richtung manchmal ein wenig drehen und damit auf spritzige Weise offenlegen, wenn der Vater mit dem Sohne nicht so kann, wie er will. Und umgekehrt.

Einen kleinen, aber sehr feinen Studio-Theaterabend haben die beiden im RTL unter dem Titel "Väter und Söhne" — nach dem Roman von Iwan Turgenjew — zusammengestellt und dafür in der Literatur jedweder Art gewildert. Ob die jeweiligen Zeilen von William Shakespeare, Bernhard Vesper oder Thomas Mann stammen, ob sie schon in der Bibel standen oder aus der griechischen Antike überliefert wurden, muss man nicht wissen, um voller Vergnügen bei gleichzeitiger Faszination den Szenen zu folgen, die Peter Wallgram auch als Regisseur verantwortet.

Das liegt nicht zuletzt auch an den beiden wunderbaren Schauspielern Stefan Schleue und Richard Erben, die sich im Vater- und Sohn-Sein abwechseln und diese auch körperlich ungeheuer herausfordernden Rollenspiele hervorragend meistern. Sie finden immer den richtigen Ton für die jeweilige Beziehungskiste, sind mal autoritär, mal jammernd, mal brutal, mal zärtlich. Und manchmal auch sehr verletzlich. Sie loten mit ihrem Spiel die ganze Bandbreite eines jahrhunderte alten und doch immer wieder neuen Abhängigkeitsverhältnisses aus, aus dem es für niemanden ein wirkliches Entkommen gibt.

Dass dieser Parforce-Ritt durch Literatur und Zeiten so stimmig wie flott über die Bühne geht, wird auch von den Kostümen und dem Bühnenbild von Isabell Ziegler unterstützt. Die schlichten blauen Anzüge, ein (Puppen-)Haus in Form eines Keils (wahlweise: Start- oder Sprungrampe), in dem die Requisiten für die Rollenwechsel wie Inventar wirken — alles ist von raffinierter Einfachheit. Wenn dieser Abend überhaupt etwas zu wünschen übrig lässt, dann das: mehr davon — zu Vater und Tochter, Mutter und Sohn, Mutter und Tochter ...

(NGZ)