Neuss: Weihnachten mit dem Tod vor Augen

Neuss: Weihnachten mit dem Tod vor Augen

Rudi Geißler begleitet einen jungen, an Krebs erkrankten Familienvater an dessen Lebensende. Ein großer Wunsch wurde ihm noch erfüllt.

Der junge Familienvater weiß, dass er bald sterben wird. Ihm ist bewusst, dass er seinen kleinen Sohn nicht aufwachsen sehen kann. Den Kampf gegen den Krebs wird er nicht mehr gewinnen. Alles, was er macht, könnte er zum letzten Mal tun. Rudi Geißler begleitet den jungen Mann auf seinem Weg. Der 64-Jährige ist seit zwei Jahren ehrenamtlich beim Ambulanten Hospizdienst der Diakonie tätig. Doch derart emotional berührend wie bei seiner aktuellen Begleitung war es selten. "Das Thema Tod passt einfach nicht zu einer jungen Familie", sagt er.

Weihnachten steht vor der Tür. Die Menschen flanieren über die verregneten Straßen, stehen dicht gedrängt vor Holzbuden, genießen Glühwein und schmieden vielleicht schon Pläne für das kommende Jahr. Es ist Leben in der Stadt - und vor allem auf dem Neusser Weihnachtsmarkt. Ausgiebig berichtete Geißler dem jungen Mann von Weihnachtsmarktbesuchen mit seinem Enkel. Den Duft von gebrannten Mandeln, die besinnlich-kitschige Musik und das Flackern der vielen verschiedenen Lichter. All das wollte der junge Mann noch einmal erleben. Gestern erfüllte Geißler ihm diesen Wunsch.

Der Sterbebegleiter selbst brauchte nach seiner beruflichen Laufbahn neun Monate, um sein Leben zu entschleunigen. Kein Handy, kein PC, keine Termine. "Ich bin extra spät aufgestanden, obwohl ich gar nicht mehr müde war", erinnert er sich. Er wollte einfach nicht mehr, dass Leute über seine Zeit verfügen. Schließlich war das zu seiner Zeit als Einkäufer im IT-Bereich noch ganz anders. Das Hantieren mit großen Summen. Die unzähligen Telefonate, der Stress am Ende des Jahres, wenn Firmen ihre Bilanzen aufbessern wollen und noch große Aufträge an Land gezogen werden müssen. Irgendwann war es einfach genug - und nach seiner Pause entschied sich Geißler für eine neunmonatige Ausbildung beim Ambulanten Hospizdienst der Diakonie. "Wir gehen dort hin, wo die Menschen sind, die wir begleiten", sagt er. Das kann ein Altenheim sein, eine Palliativstation, aber auch das Heim des Todkranken - wie in seinem aktuellen Fall.

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Im Normalfall besucht Geißler den jungen Vater einmal pro Woche. In der Regel für rund 90 Minuten. Mal länger, mal kürzer. Mal werden verschiedene Themen angeschnitten, mal herrscht Stille. Dann geht es einfach nur darum, dass jemand da ist. Es ist gewiss nicht Geißlers Aufgabe, krampfhaft zu versuchen, die Stimmung des Betroffenen aufzuhellen. "Dass es zu Ende geht, kann ich nicht schönreden", sagt der 64-Jährige.

Mit Todesnachrichten umgehen zu können, gehört zu diesem Ehrenamt einfach dazu. Fünf Menschen, die er in den vergangenen zwei Jahren begleitete, sind bereits gestorben. Diese Aufgabe verändert einen. Vor allem den eigenen Bezug zum Tod. "Das Thema findet in unserer Gesellschaft fast gar nicht statt. Ich habe es auch lange gar nicht wahrgenommen. Heute kann ich den Tod akzeptieren - als ganz normalen Teil des Lebens", sagt Geißler.

(jasi)