Was ein Stall Lüttenglehn mit der Weihnachtsgeschichte zu tun hat

Krippe 4.0 im Rhein-Kreis Neuss: Hightech statt Hirten : Kein Zutritt mehr für Herbergsuchende

Ställe wie der von Norbert Dyckers sind High-Tech-Unternehmen. Mit dem Stall von Maria und Josef haben sich nichts mehr gemein.

An dieser Klinke würden Maria und Josef vergeblich rütteln: „Wertvoller Schweinebestand – Für Unbefugte Betreten verboten“ warnt ein Schild an der Tür von Norbert Dyckers’ Schweinestall, der mit dem Stall aus der Bibel vielleicht gerade noch in puncto Lage vergleichbar wäre. 800 Meter fernab des kleinen Ortes Lüttenglehn, direkt an der Stadtgrenze zu Neuss, hat ihn der 49-jährige Landwirt inmitten seiner Felder platziert – wenn auch vermutlich aus anderen Gründen als seine Standesgenossen vor mehr als 2000 Jahren im fernen Bethlehem. „Wegen der Lärm- und Geruchsemissionen“, sagt er.

Ställe sind heutzutage moderne High-Tech-Unternehmen. Für Betriebsfremde sind sie meist unzugänglich, weil viele Viehhalter aus Sorge, dass Krankheiten oder gar Seuchen in ihren Bestand eingeschleppt werden könnten, Hygieneschleusen einrichten. Wie bei einem Operationssaal. Aber selbst wenn die müden Wanderer aus Nazareth diese Schleuse überwinden könnten, wäre der Schweinestall wohl nicht die ersehnte Herberge: Weder Ochs noch Esel stehen dort, kein einziger Halm Heu oder Stroh ist zu finden - und statt Krippe gibt es nur Futtertröge aus Edelstahl.

Dort hinein das neugeborene Christkind legen? „Geht nicht“, sagt Dyckers. Denn wenn die Tröge leer gefressen sind, merkt das ein Sensor – und der Futtercomputer legt sofort eine Mischung aus Getreide, Soja- oder Rapsschrot sowie Vitaminen und Mineralstoffen nach. Vollautomatisch und natürlich frei von Antibiotika. „Würde man damit zweimal auffallen, könnte man den Betrieb schließen“, sagt Dyckers. Da haben schon das Veterinäramt und der Rheinische Erzeugerring für Mastschweine, dem der Betrieb angeschlossen ist, ein Auge drauf.

Ein Computer regelt die Lüftungstechnik, ein anderer die Fütterung. Nicht einmal mehr Ausmisten muss der Bauer heutzutage von Hand. Foto: Tinter, Anja (ati)

Das Futter ist nicht das einzige, was ein Computer steuert, auch das Ausmisten der Boxen regelt ein Automat. Das funktioniert dank so genannter Spaltböden, auf denen die Tiere immer trocken und sauber stehen oder liegen. Josef und Maria allerdings würden jeden Komfort vermissen. Statt eines weichen Lagers nur hölzerne Planken.

An dieser Tür würden Maria und Josef vergeblich rütteln. Foto: Christoph Kleinau

Auch die Lüftung reguliert mit moderner Mess- und Regeltechnik die Temperatur. Und das konstant bei 21 bis 22 Grad und für jeden Stall separat. 23 davon hat Dyckers in seinem Betrieb wie zu einem großen „U“ unter einem Dach angeordnet. Insgesamt Platz für mehr als 2500 Schweine. Fällt auch nur in einem davon die Temperatur oder steigt stark an, bekommt der Landwirt automatisch einen Warnhinweis auf sein Handy geschickt. „Dann müssen wir sofort los“. Die empfindliche Technik und vor allem die Sensoren der Lüftung verlangen nach einem geschlossenen System. Ein Stall von Bethlehem, wie ihn sich viele Krippenbauer vorgestellt haben, würde gar nicht funktionieren, sagt Dyckers. Von wegen windschiefe Wände oder Löcher im Dach! „Baufällige Ställe gibt es nicht mehr“, sagt er.

Dyckers, Vater von zwei Mädchen, ist in vierter Generation Bauer. Seit 1888 siedelt die Familie in Lüttenglehn. Der aktuelle Boss auf dem Hof ist ein Landwirt mit Diplom, der seit 1998 auf eigene Rechnung ackert. Mehr als 100 Hektar hat er unter dem Pflug. Dyckers erzeugt mit seinen Angestellten das Getreide für seine Schweinemast selbst und dazu Mais, den er mit der Schweinegülle aus seinen Ställen seit 2006 in einer Biogas-Anlage zu Strom „veredelt“. Eine moderne Kreislaufwirtschaft, die er breit aufgestellt hat. Weil modern auch heißt, sich gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen, hat er seinem konventionell wirtschaften Agrarbetrieb jüngst noch ein zweites Standbein hinzugefügt. Teile seiner Flächen hat er ausgegliedert und in einen Bio-Betrieb eingebracht, der Kartoffeln und Gemüse nach den Standards der ökologischen Landwirtschaft erzeugt.

Tiere, sonst Teil jedes Bauernhof-Bilderbuches, hält sich Dyckers daneben als Liebhaberei. Von den Schweinen mal abgesehen, hat der amtierende Hahnenkönig im Ort auch für 100 Hühner zu sorgen. Und einen Hund. Und zwei Katzen.

Ochs und Esel passen nicht in Dyckers’ Konzept. Produktionsställe mit mehreren Tierarten gibt es nicht, sagt er. Jeder Stall werde auf die Anforderungen seiner Bewohner abgestimmt. Von Eseln hält der moderne Landwirt sowieso wenig: Sie liefern weder Fleisch noch Milch und sind auch kein Arbeitstier.  Aber Josef und Maria zum Trost: Einen Esel erwähnt auch der Evangelist Lukas in seiner Weihnachtsgeschichte nicht.

Mehr von RP ONLINE