Walfangboot "Rau IX" aus Neuss wird in Bremerhaven digitalisiert

Projekt im Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven: Neusser Walfangboot wird „eingefroren“

Die „Rau IX“, 1939 von der Neusser Walter Rau AG für die eigene Walfangflotte in Auftrag gegeben, gehört zu den Schmuckstücken des Deutschen Schifffahrtsmuseums. Aktuell wird sie repariert — und digitalisiert.

Der Walfänger „Rau IX“ ist ein Dinosaurier – und das letzte Schiff seiner Art. 1939 bei der Seebeckwerft in Wesermünde vom Stapel gelaufen, ist der seinerzeit von der Neusser Firma Walter Rau AG in Auftrag gegebene Veteran vom „Zahn der Gezeiten“ kräftig angenagt. Aktuell ist das seit 1970 am Pier des deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhafen (DSM) vertäute Fangboot eine Baustelle. Mal wieder. Die hölzernen Aufbauten des Peildecks seien wieder hinzubekommen, sagt Lothar Kuhlenkamp, der technische Leiter des DSM. Doch Materie ist endlich.

Dauerhafte Sicherung und ein bisschen Unsterblichkeit verspricht nur die Konservierung als Datensatz. Im November erscheint daher in der DSM-Schriftenreihe zunächst ein kleiner Band über das Schiff, das Erik Hoops, der Leiter der wissenschaftlichen Redaktion des Hauses, zu den Highlights unter den Museumsobjekten zählt. Weshalb „Rau IX“ auch schon Band drei der Reihe gewidmet wird.

Die Harpune wurde zuletzt auf Kleinwale abgefeuert. Foto: Christoph Kleinau

Darüber hinaus wird ein detailgenaues Modell des Dampfers – die Rau IX würde ja kaum unter die Kamera passen – mit einem hochauflösenden Streifenlichtscanner dreidimensional abgelichtet und digitalisiert. Damit friert Dennis Niewerth, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des DSM um dieses Referenzobjekt kümmert, auch ein Stück Neusser Industriegeschichte ein – und ein Zeitdokument.

Der Schriftzug am Schornstein weist auf Neusser Eigner hin. Foto: Christoph Kleinau

Denn als die Neusser Walter Rau AG in den 1930er Jahren daran ging, eine eigene Walfangflotte aufzubauen und die Neusser gerade in den Jahren 1936 und 1937 sehr erfolgreich in Arktis und Antarktis Jagd auf die Meeressäuger machten, passte das auch den nationalsozialistischen Machthabern gut ins Konzept. Das Unternehmen wollte auf den Weltmeeren einen wichtigen Rohstoff für die Margarine-Produktion gewinnen, die Nazis im Zuge ihrer Kriegsvorbereitungen die Fettversorgung des Reiches auf eigene Füße stellen, Autarkie erreichen. Walfang wurde Bestandteil von Hermann Görings Vierjahresplan.

Blick vom Bug Richtung Peildeck. Eine Brücke gab es nicht. Foto: Christoph Kleinau

Die Rau IX hatte dazu – anders als das Mutterschiff „Walter Rau“ und die Schwesterschiffe „Rau I“ bis „Rau VIII“ – wenig beizutragen. Bevor es zur ersten Expedition auslaufen konnte, brach der Zweite Weltkrieg aus. Der Walfänger wurde von der Kriegsmarine requiriert und zum U-Boot-Jäger umgebaut. Nach der Kapitulation der Wehrmacht wurde die Rau IX als Minenräumer eingesetzt, bevor sie 1948 mitsamt dem Mutterschiff an Norwegen ausgeliefert werden musste. 20 Jahre fuhr sie unter norwegischer Flagge als Waljäger, wurde dann an Island verkauft und stellte zuletzt in den Gewässern rund um die Färöer-Inseln Kleinwalen nach. 1970 machte sie dann in Bremerhaven fest und steht nicht nur für Charlotte Colding-Smith, die beim DSM die Walfang-Sektion in der neu zu konzipierenden Ausstellung über maritime Rohstoffe leitet, als „Symbol für die Hochphase des industriellen Walfangs in Deutschland in den 1930er Jahren“. Jahre, in denen das Deutsche Reich in kurzer Zeit zur drittgrößten Walfangnation auf unserem Globus aufgestiegen war und alleine die Flotte der Neusser vier Prozent der weltweit erzeugten Menge an Öl, Knochenmehl und Walfleisch einbrachte. Dieses Fleisch wurde noch auf See in Dosen verpackt und unter dem Namen „Polaris“ abgegeben. Vor allem an die Wehrmacht.

In Wesermünde gebaut, in Bremerhaven vor Anker. Foto: Christoph Kleinau

Bemerkenswert an dem Museumsschiff nennt der DSM-Techniker Kuhlenkamp, dass die Rau IX fast so zu besichtigen ist, wie sie 1939 im Dock bei Bremerhaven auf Kiel gelegt worden war. Die „Maier-Form“, Ausguck, Harpune und die doppelten Klüsen, durch die man einen erlegten Wal längsseits nehmen konnte – alles echt. Das eingerüstete Peil- und Fahrdeck – „Eine Brücke hatte die Rau IX nicht“, so Kuhlenkamp – soll im nächsten Jahr repariert und wieder zugänglich sein. Sonst kann man die Rau IX ja demnächst auch im Modell besichtigen. Auch im Internet. Und vielleicht sogar ganz virtuell.

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