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Neuss: Wahlspruch der Bürger

Neuss : Wahlspruch der Bürger

Msgr. Robert Kleine, Leiter der Hauptabteilung Seelsorge des Erzbistums Köln, deutet den "Bürger"-Wahlspruch.

In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas „Im Notwendigen Einigkeit, in Zweifelsfällen Freiheit, in allem Nächstenliebe“

„Im Notwendigen Einigkeit“ Was ist aus christlicher Sicht „das Notwendige“? Eine Antwort finden wir im 10. Kapitel des Lukasevangeliums. Hier begegnen uns Maria und Marta, die Jesus in ihrem Haus zu Gast haben. Marta ist die eifrige und geschäftige Gastgeberin, während Maria zu Füßen Jesu sitzt und ihm zuhört. Als Marta das passive Verhalten ihrer Schwester kritisiert, antwortet Jesus: „Marta, Du machst Dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt“.

Das, was im wahrsten Sinne des Wortes Not wendet, ist die Frohe Botschaft Jesu Christi, das Hören auf sein Wort. Wir verbinden mit „zum Leben Notwendigem“ die Mittel, die wir zum Leben brauchen. Zu diesen Lebensmitteln gehört in unseren Breiten vor allem das Brot.

Jesus weiß darum. Deshalb die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ im Vater unser. Aber er weiß auch: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4). An drei „Gottes-Worten“ kann deutlich werden, was Einigkeit im Notwendigen meint:

1.„Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn“ (Gen 1,27), In der Gottebenbildlichkeit ist die Würde des Menschen gegründet. Schon 2000 Jahre vor der Proklamation der Menschenrechte, gleichsam auf der ersten Seite der Bibel, wird von dieser Würde gesprochen, die keinem Menschen von einem anderen Menschen abgesprochen werden darf. Daher bedeutet „Einmütigkeit im Notwendigen“ ein gemeinsames Fundament an Werten, vor allem ein Eintreten für die Würde eines jeden Menschen, ob geboren oder ungeboren, ob gesund, behindert oder krank.

2.„Du sollst den Herrn, Deinen Gott lieben (….) Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ (Mt 22,37) Wir kennen alle das Sprichwort „Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem andern zu“. Bei Jesus lautet die Sicht aber anders: „Was Ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“. Nicht nur Böses unterlassen, nein, gerade Gutes tun ist gefordert: Gott gegenüber, dem Nächsten (und sogar dem Fernen/Feind) gegenüber und nicht zuletzt auch mir und meinem Leben gegenüber. In Respekt und mit Toleranz sollen wir einander begegnen und unser Miteinander gestalten- in Familie, Beruf, Gesellschaft und Kirche. Das ist unabdingbar und notwendig für jedes Leben in Gemeinschaft. Darin sollte, ja muss Einigkeit bestehen.

3.„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) Es geht im Christentum nicht nur darum, dass der Mensch nach Goethe „edel, hilfreich und gut sei“, es geht darum, dass Gott einer von uns geworden ist, dass er uns in Jesus Christus den Weg zu Leben eröffnet hat- zu einem Leben, in dem der Tod eben nicht das letzte Wort hat. Jesu Auferstehung war wahrlich „not-wendig“, damit wir Menschen Hoffnung haben. Christen vertrösten beileibe nicht auf das Jenseits, sondern sie schöpfen gerade aus diesem Glauben Kraft und Zuversicht, um die Gegenwart in „Glaubens-Einigkeit“ positiv zu gestalten.

„In Zweifelsfällen Freiheit“ Nun gibt es aber nicht immer die Klarheit, das Einvernehmen im Blick auf das Notwendige, sondern es gibt auch viele Bereiche und Fragen in unserem Leben als Einzelne, in Gesellschaft und Kirche, die unterschiedlich betrachtet bzw. beantwortet werden können. Hier kommt das Gewissen „ins Spiel“, genauer die Gewissens-Freiheit. Zwar begegnet uns in den Evangelien das Wort „Gewissen“ nicht direkt, doch nimmt Jesus in seinen Reden immer wieder Bezug auf das „Herz“ des Menschen. Das Herz steht gleichsam für die innere Absicht, Überzeugung und Einstellung, und von ihm her bestimmt sich der sittliche Wert (oder Un-Wert) einer Handlung. In diesem Sinne heißt es in der Bergpredigt: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8).

Paulus betont mit Nachdruck in seinem Brief an Timotheus das „gute Gewissen“ der Gläubigen: „Kämpfe den guten Kampf, gläubig und mit reinem Gewissen. Schon manche haben die Stimme ihres Gewissens missachtet und haben im Glauben Schiffbruch erlitten“ (1Tim 1,18). Daher ist es Recht und Pflicht der Christen, in Zweifelsfällen zu diskutieren, Sach-Argumente auszutauschen, das Gehörte im Licht des Evangeliums zu bedenken um schließlich in Freiheit eine gewissen-hafte Entscheidung zu treffen.

Für Christen geht die Bedeutung der Freiheit des Gewissens daher über eine reine Persönlichkeitsentfaltung und Selbstverwirklichung hinaus. Im Gewissen erfahren sie sowohl den Zu-Spruch als auch den An-Spruch unseres Gottes, der jedem Menschen eine Freiheit schenkt, die ihm fern jeder Willkür in freier Entscheidung die Verwirklichung seiner Selbst ermöglicht.

In omnibus caritas „Deus caritas est“ (1 Joh 4,16) – Mit diesem Wort aus dem ersten Johannesbrief beginnt Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika: „Gott ist die Liebe“. Es bedarf nicht vieler Worte, um zu erläutern, dass die Nächsten-Liebe das Band ist, das sich durch alles christliche Reden, Denken und Tun ziehen soll: „Wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und erkennt Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. (…) Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet“ (1Joh 4,4,7.12).

„Im Notwendigen Einigkeit, in Zweifelsfällen Freiheit, in allem Nächstenliebe“. Mit den Worten Jesu heißt das: „Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben. Liebet einander, so wie ich Euch geliebt habe“ (Joh 15).