Voskuils Roman "Das Büro" im Büro eines Rechtsanwalts gelesen

Literarischer Sommer in Neuss : Der Literarische Sommer im Büro

Das Büro von Rechtsanwalt Cornel Hüsch war Schauplatz einer Lesung aus dem Roman „Das Büro“.

Im edlen Ambiente der Rechtsanwaltskanzlei Hüsch im Kopfgebäude am Neusser Hafen fand der 19. Literarische Sommer seine Fortsetzung. Der Warteraum der Kanzlei eignet sich durch verschiebbare Glaswände vorzüglich für kleinere Konzerte, Schulungen und eben auch Lesungen. Gut 30 Zuhörer fanden Platz, die der Hausherr Cornel Hüsch in perfektem Niederländisch begrüßte.

Denn der vierte Band des Mammutromans „‚Das Büro“ stand auf der Tagesordnung, in dem der niederländische Autor Johannes Jacobus Voskuil sein Leben und Leiden als wissenschaftlicher Angestellter im Amsterdamer Institut für Volkskunde aufschreibt. Von 1957 bis 1987 war er dort beschäftigt, nach seiner Pension beschrieb er in sieben Bänden auf 5200 Seiten den Arbeitsalltag im „Büro“.

Im vierten Band – „Das A.P. Beerta Institut“ – wird die Zeit von 1975 bis 1979 geschildert, in der erstmals die Geldgeber im Institut so etwas wie Controlling einführen, der Büroalltag bleibt weiter profan: Eine bedeutende Rolle spielen Butterbrot und Kopje Koffie sowie der alltägliche banale Plausch mit Kollegen und das endlose Gequatsche in Gremien, auf Symposien und Kongressen. Aber auch ernsthafte Arbeiten wie das Erstellen einer Karte zu der Nachgeburt von Pferden: In Brabant wird sie begraben, in der benachbarten Provinz aufgehängt.

Mit Markus Andrae, dem künstlerischen Leiter des Theaters am Schlachthof (TaS), war ein genialer Vorleser gefunden. Mit sehr variabler Stimmenkultur verwandelte er die Protagonisten in lebendige Gestalten. Wenn Maarten Köning, das Alter ego J.J. Voskuils, mit starken Kopfschmerzen aufwacht, zelebriert Markus Andrae einen surrealen Dialog mit Ehefrau Nicolien. Auf einem Kongress verleiht er dem deutschen Volkskundler Johannes Künzig – „Mein Gott, was haben wir in den Schützengräben gesungen!“ – die Stimme des großen Weltzerstörers Adolf Hitler. Tatsächlich war er nach 1933 Mitglied im NS-Dozentenbund. Vor allem diese Farbigkeit fand bei den Zuhörern bewundernde Anerkennung. Der anwesende Übersetzer Gerd Busse erläuterte seine größte Schwierigkeit, nämlich für die Übersetzung eine adäquate deutsche Bürosprache zu finden.

Nach der Lesung konnten die Besucher Büros besichtigen und die wunderbaren Ausblicke auf Quirinusbasilika und Hafen genießen.

(Nima)
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