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Vorläufig letzte Premiere am RLT Neuss „Schade, dass sie ein Hure war“

Premiere in Neuss : Typen in Tutus

Die letzte Premiere in Zeiten des Corona-Virus oblag dem RLT: „Schade, dass sie ein Hure war“.

Desinfektionsmittel im Foyer, Zettel, auf denen jeder Besucher seine Kontaktdaten angeben sollte – nein, in diesen Corona-Zeiten ist nichts normal in der Neusser Kultur. Dennoch war das Rheinische Landestheater halbvoll, als die erste Aufführung von „Schade, dass sie ein Hure war“ über die Bühne ging. Ob es nun Corona-Virus zum Trotz oder aus Neugierde nach der Verschiebung der Premiere aus künstlerischen Gründen und Absage der eingekauften Regisseurin Kathrin Mädler war: Das neue Regieteam Caroline Stolz und Eva Veiders hatte die ursprünglich von Mädler mit 110 Minuten avisierte Aufführung auf 70 Minuten eingedampft. Geschadet hat es nicht.

Zu viel in dem Stück von John Ford über die Liebe der Geschwister Annabella und Giovanni erinnert an Shakespeare. Sprachlich, aber auch inhaltlich, wobei Ford sich ganz bewusst für das Inzestthema entschieden hat, eine damals wie heute unmögliche Steigerung, um eine Liebe zu stigmatisieren. Aber darum ging es Kathrin Mädler nicht, wie sie selbst erklärt hat. Und Stolz und Veiders halten sich daran. Die beiden Leitenden der Bühne (Stolz ist Intendantin, Veiders ihre Stellvertreterin) haben sich an das Inszenierungskonzept von Mädler, an die Musik von Matthias Flake und an die Ausstattung von Franziska Isensee gehalten. Das sieht Typen vor, keine Menschen.

Sie tragen üppige Tutus (nur die Geschwister nicht), ihre Gesichter sind maskenhaft geschminkt. Annabella und Giovanni verschmelzen äußerlich zu einer Figur, bis hin zu den Haaren, die zottelig an ihrem Kopf hängen. Nur Vasques, der in der verwendeten Übersetzung von Rebecca Kricheldorf der Diener des Edelmannes Sorenzo ist, trägt einen Frack. In ihm sind alle anderen Beifiguren gebündelt, er ist ein Oberon und Puck zugleich, zieht an imaginären Schnüren, lässt die Figuren agieren, wie es ihm beliebt, und muss am Ende doch feststellen, dass es nicht so ausgeht, wie er es sich ausgedacht hat. Denn den Mord an Annabella, den Giovanni aus purer Enttäuschung begeht, kann er nicht verhindern.

Mit Benjamin Schardt ist die Rolle richtig besetzt: Er ist der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, zeigt bei allen teuflischen Zügen (leider) auch viel Menschliches. Zum Beispiel in einer kleinen, allerdings eher rührenden Geste: Wer stirbt, dem zieht er das Tutu aus.

Ohnehin sterben sie in dieser Inszenierung einfach. Wie die Fliegen, manches Mal ohne nachvollziehbaren Grund. Warum zum Beispiel trifft es Putana, die Amme Annabellas, der man in Antonia Schirmeisters Spielweise locker das „Vollblutweib“ abnimmt? Sie zeigt eine Bühnenpräsenz, die man sich von einer Annabella (Nelly Politt) und einem Giovanni (Niklas Maienschein) auch gewünscht hätte. So aber bleiben die Liebenden nur Figuren, die zufällig zu liefern scheinen, was diese Gesellschaft braucht, um sich an irgendetwas zu reiben. Ihre Liebe ist dabei nicht mehr als nur Behauptung.