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Vor 75 Jahren: Die Geburtsstunde der Neusser CDU

Vor 75 Jahren : Die Geburtsstunde der Neusser CDU

Der Neusser Rechtsanwalt Heinz Günther Hüsch erinnert sich in einem Gastbeitrag an die Anfänge der Christdemokraten in Neuss – und an nächtliche Plakat-Klebe-Aktionen mit Konfliktpotenzial.

Es schien wie ein gutes Vorzeichen: Der 4. November 1945 war ein sonniger Tag. An diesem Sonntagmorgen versammelten sich 54 Frauen und Männer gegen 11 Uhr im Saal des erzbischöflichen Konviktes an der Breitestraße. Heute steht dort das Quirinusgymnasium. Es sei etwas Besonderes im Gange, hatte man auch mir gesagt. Es gehe gerade um uns Jüngere. Also ging ich hin, ohne zu wissen, was eigentlich geschehen sollte. Einige der Anwesenden kannte ich: Die späteren Oberbürgermeister Alfons Frings und Hermann Wilhelm Thywissen, aber auch den angesehenen Architekten Wilhelm Gilges und die Charitashelferin Helene Kraemer, den Steinmetz Münch und einen Straßenbahner, dessen Name mir entfallen ist. Wie selbstverständlich führte Schulrat Josef Thomae den Vorsitz – er war schon vor 1933 Vorsitzender des Zentrums in Neuss gewesen. Hauptredner war Leo Schwering, CDU-Geschäftsführer in Köln, wo die CDU bereits Monate zuvor gegründet worden war.

In Neuss hatte man gezögert – wahrscheinlich, weil die maßgebenden Persönlichkeiten erwogen, das Zentrum, die katholische Partei, wiederzugründen. Es kam aber anders. Der Redner beschwor die Versammlung, Lehren aus der Zeit vor 1933 zu ziehen, in der viele kleine und streitsüchtige Parteien die Demokratie gefährdet hatten. Jetzt müsse es darum gehen, eine große, starke Partei zu gründen, in der Evangelische, Katholische und überhaupt jeder mitwirken könne und solle, der sich den bereits angedachten Zielen der Union anschließe. Es gehe darum, das deutsche Volk wieder moralisch zu gesunden. Auf der Grundlage christlicher Werte! Das wirtschaftliche Leben und der Wiederaufbau müssten angekurbelt werden. Auf sozialem Gebiet sei ungeheuer viel zu tun und letztlich gehe es auch darum, die Versöhnung mit den Kriegsgegnern anzustreben.

 Der Neusser Rechtsanwalt Heinz Günther Hüsch verfasste den Gastbeitrag für die NGZ.
Der Neusser Rechtsanwalt Heinz Günther Hüsch verfasste den Gastbeitrag für die NGZ. Foto: Ludger Baten
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Das entsprach auch meinen allerdings noch unklaren Vorstellungen. Im Freundeskreis hatten wir in der Stellung an der Maas gut ein Jahr zuvor darüber nachgedacht, was geschehen solle, wenn der Krieg einmal zu Ende sein werde. Jedenfalls etwas ganz Anderes als das, was wir – noch 15-jährig – erlebten. Das Recht müsse wieder gelten, wir müssten wieder frei denken und sprechen können und dürfen, wir wollten endlich auf der richtigen Seite stehen.

Leo Schwering und die Redner, die sich dann zu Wort meldeten und die schon formulierten und dann verlesenen Ziele der Union überzeugten mich. Ich stimmte der Gründung der CDU in Neuss aus voller Überzeugung zu – es gab keine Gegenstimme –, obwohl ich nach Besatzungsrecht noch gar nicht hätte dabei sein dürfen. Die erste Wahl in den Stadtrat brachte einen überzeugenden Sieg der CDU. Als Plakatkleber hatte ich dazu einen Beitrag geleistet – mehr gab es zunächst nicht zu tun. Auf unseren nächtlichen Plakat-Klebe-Aktionen lernten wir aber politische Gegner kennen: überzeugte Sozialdemokraten, fanatische Kommunisten und Unverbesserliche. Die Meinungen stießen hart aufeinander. Noch war nicht ausgemacht, wie der weitere politische Weg sein werde, ob die in der Versammlung vom 4. November 1945 aufgezeigten Ziele würden erreicht werden können und ob die Wähler unsere Meinungen teilen würden. Es folgten scharfe Auseinandersetzungen insbesondere mit den ganz Linken und ganz Rechten. Die CDU entwickelte sich – langsam. Zunächst erschien sie ein Kanzlerwahlverein zu werden – weniger eine offene und programmatisch gefestigte Partei. Das gefiel uns in der Jungen Union, die inzwischen begründet worden war, gar nicht. Wir standen zwar überzeugt hinter der Außenpolitik Konrad Adenauers, der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhardts und der Sozialpolitik Karl Arnolds. Wir wollten aber auch die personelle und inhaltliche Erneuerung der CDU und insbesondere ihre Hinwendung zu den Bürgern und zu ihren unmittelbaren Anliegen. Es gelang! Zudem: die CDU gewann in Wahlen und setzte sich in den damaligen Schicksalsfragen der Nation durch, nahm entscheidenden Einfluss auf unser Grundgesetz – eine der besten Verfassungen, die es gibt – und formte Deutschland zu einem sozialen demokratischen Rechtsstaat, dessen heutige wirtschaftliche Kraft ihre Gründer in Neuss nicht haben ahnen können und gar nicht zu hoffen wagten.

 Oberbürgermeister Alfons Frings bei einer Wahlkampfveranstaltung im Hafen.
Oberbürgermeister Alfons Frings bei einer Wahlkampfveranstaltung im Hafen. Foto: stadtarchiv neuss

Die Wiedervereinigung, an die die CDU trotz aller Anfeindungen fest gelhalten hat, bewährt sich nun schon 30 Jahre. Europa ist gefestigt, auch wenn es hier und da einmal knirscht, Unser Land ist in der Welt geachtet und Geschichte und Erfolge der CDU werden bewundert. Sie hat sich allerdings auch selbst weiter entwickelt – beeinflusst von der Weltlage und den großen Umwälzungen in der deutschen Gesellschaft, die immer mehr ihre Individualrechte zu mehren sucht. Mehr „Common Sense“ und mehr Beachtung des Gemeinwohls, für die unsere CDU Garant ist, sollte es allerdings wieder sein.

In den letzten Kriegsjahren sang Zarah Leander: „Ich weiß, es wird einmal, ein Wunder geschehen…“ Ein Text, der uns damals Hoffnung gab. Der Weg der CDU in 75 Jahren ist zwar kein Wunder – aber er ist es nahezu.