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Neuss: Vor 375 Jahren: Orden baut das Zeughaus

Neuss : Vor 375 Jahren: Orden baut das Zeughaus

Dem Zeughaus ist die ursprüngliche Funktion noch anzusehen: Es war einmal eine Kirche, genauer: Eine Klosterkirche, deren Grundstein vor 375 Jahren, am 7. August 1637 gelegt wurde. Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) suchten zahlreiche Ordensbrüder, die aus den protestantischen Gebieten vertrieben worden waren, in katholischen Ländern eine neue Heimat. Das war nicht immer ein leichtes Unterfangen, wie die Entstehung des Zeughauses beweist.

Bereits seit den 1590er Jahren waren die Jesuiten in Neuss ansässig und sorgten zusammen mit einer Reihe anderer Orden und Pfarreien für die Seelsorge der Einwohner. Doch um 1620 kamen die Franziskaner-Observanten hinzu. Die Mitglieder des seit 1335 bestehenden Ordens wollten die Gebote des Heiligen Franziskus besonders streng befolgen. Allerdings stießen sie in Neuss auf erhebliche Schwierigkeiten und Widerstände.

Aktuell: Das Zeughaus in seiner heutigen seit 1999 gültigen Gestalt. Foto: Woitschützke, Andreas

Der Wunsch des Ordens nach einem Domizil hätte von der Stadt leicht erfüllt werden können, da die Oberservanten keine Schulgebäude wie die Jesuiten benötigten. Der Neusser Stadtrat erhielt jedoch im März 1624 nur die erzbischöfliche Mitteilung, dass die Observanten zunächst die Jesuiten bei Predigt und Beichte unterstützen sollten. Da sie keine eigene Kirche und keinen Altar besaßen, erhielten sie die Erlaubnis, am Sebastianus-Altar in St. Quirin ihre Messe zu feiern. Im Frühjahr 1632 bat der Ordensleiter Johann Cüpper die Stadt um Lebensmittel für seine Brüder, da immer mehr vertriebene Ordensgenossen aus dem übrigen Deutschland in Neuss Zuflucht suchten. Am 1. Mai 1632 erhielten die Observanten die erzbischöfliche Erlaubnis, in Neuss ein Kloster einzurichten.

Damit begann ein Tauziehen mit der Stadt, denn die Mehrheit des Stadtrates hielt die Niederlassung eines neuen Ordens für überflüssig und lehnte den Bau eines neuen Klosters ab. Man argumentierte, dass sich ein Bettelorden in der verarmten Stadt kaum werde halten können und dass ein Zuwachs an Seelsorge nicht notwendig sei, zumal es in der Stadt außer dem Quirinus-Stift bereits fünf "Mannsklöster" und drei "Jungfrauenklöster" gebe. Der Stadtrat regte beim Kurfürsten und Erzbischof sogar an, die Observanten in eine Stadt zu versetzen, die nicht mit Kirchen und Gottesdiensten ausgestattet sei.

Doch Landesherr Kurfürst Ferdinand ließ sich nicht erweichen. Er schickte eine Kommission nach Neuss, die im Juli 1635 dem Stadtrat einen Vertrag über die Niederlassung der Observanten abrang. 1636 schenkte die Stadt dem Orden den Bauplatz nahe der östlichen Stadtmauer, mit der Auflage, einen Durchgang entlang der Mauer zu erhalten, damit Stadt weiter verteidigt werden konnte.

Anfang 1637 begann schließlich der Bau der Klostergebäude. Doch schnell gab es neuen Streit. Nach Ansicht der Stadtverwaltung rückten die Observanten zu dicht an die Stadtmauer; außerdem verweigerten sie der Stadt den Bau neuer Häuser und Läden. Da Proteste nicht fruchteten, ließ die Stadt die Fundamente zerstören. Da kaum noch eine Einigung zu erzielen war, zogen beide Parteien bis vor das Reichskammergericht in Speyer und einigten sich dort auf einen Kompromiss: Das Kloster wurde im vereinbarten Abstand zur Stadtmauer errichtet während der Rat auf Läden und Mietshäuser verzichtete.

Am 7. August 1637 legte Kurfürst Ferdinand schließlich den Grundstein, zwei Jahre später war die Klosterkirche fertig gestellt. 1640 wurde sie geweiht, und bei der ersten Messe konnte die Kirche die Menge der Besucher kaum fassen. Zum gleichzeitigen Bau der Klostergebäude hatten die finanziellen Mittel allerdings nicht gereicht, und als 1642 die Hessen und Franzosen als Besatzer in Neuss einrückten, war an größere Baumaßnahmen nicht zu denken. Erst nach dem Abzug der hessischen Truppen im Juli 1651 startete der Bau der Klostergebäude, die 1655 fertig wurden.

Die ehemalige Klosterkirche war ein schlichter einschiffiger Backsteinbau mit hohem Satteldach und geschlossenem Chor und folgte dem franziskanischen Muster für städtische Bettelordenskirchen. Das ehemalige zweigeschossige Klostergebäude war links neben der Portalfassade mit drei Flügeln um einen Innenhof gruppiert. Zu klösterlicher Zeit lagen im Obergeschoss die Zellen der Mönche. Im Erdgeschoss befanden sich Speiseräume, ein Sprechzimmer, Bibliothek und Küche. Als die Observanten während der napoleonischen Besatzung 1802 aus Neuss vertrieben wurden, gelangte der Gebäudekomplex ein Jahr später in den Besitz der Stadt. Die vermietete es von 1826 bis 1864 an die preußische Militärbehörde, die es nach einem Umbau als "Zeughaus", also als Lager für ihre Militärbestände, nutzte.

Nach Auflösung der preußischen Garnison vermietete die Stadt das Zeughaus als Lagerhalle an Neusser Firmen. Am 8. Mai 1923 beschloss der Stadtrat, das Gebäude in einen Festsaal umzubauen. Am 21. April 1924 weihte Oberbürgermeister Heinrich Hüpper diesen Saal ein. Aus einer Klosterkirche und einer Lagerhalle war nun die "gute Stube" der Stadt geworden. Außerdem war das Zeughaus die erste Spielstätte des 1925 gegründeten "Rheinischen Städtebundtheaters", dem heutigen Rheinischen Landestheater. Im September 1944 und Januar 1945 wurde das Zeughaus schwer beschädigt. Im Oktober 1947 wurde es zum Konzert- und Festsaal ausgebaut, weitere Umbauten gab es 1970 und 1999, in denen das Zeughaus seine heutige Gestalt erhielt.

(NGZ/ac)