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Neuss: Vom Mehrwert des Theaters

Neuss : Vom Mehrwert des Theaters

"I hired a contract killer": Mit dem überzeugenden Entwurf, wie man einen schon verfilmten Stoff für die Theaterbühne aufarbeitet, zeigte Michael Mertins im Landestheater sein Meister- und Abschiedsstück.

Eine Geschichte auf der Bühne zu zeigen, die als Kinofilm bekannt wurde, noch dazu als erfolgreicher, birgt Risiken. Allen voran jenes, in der Konkurrenz mit dem Bilderreichtum des Films so chancenlos zu bleiben, wie der Hase im Wettlauf mit dem gewitzten Igel.

Was Michael Mertins Inszenierung von Aki Kaurismäkis Geschichte "I hired a contract killer" ("Ich engagierte einen Auftrags-Mörder") so außergewöhnlich sehenswert und rundum gelungen macht, ist der Umstand, dass er sich gar nicht erst auf solche Konkurrenz eingelassen hat. Vielmehr erzählt er die Geschichte von dem lebensmüden Henri, indem er die genuinen Möglichkeiten des Theaters grandios zu nutzen weiß.

So brilliert die wunderschöne kleine Inszenierung, mit der Mertins nach drei Jahren Assistenz am Samstag im Studio des Schauspielhauses sein Meisterstück und leider auch seinen Abschied präsentierte, indem sie mit geringsten Mitteln die Bilder nicht zeigt, sondern in den Köpfen der Zuschauer erzeugt: Nicht mehr als vier Metallstangen, zwei Seile und ein eher unscheinbarer Tisch genügen diesem kleinen Bühnenjuwel, um alle Räume und Orte entstehen zu lassen, an denen die Geschichte von Henri und Margaret spielt. U-Bahn, Telefonzelle oder Arztpraxis, Wohnung, Straße oder Bett: Mit wenigen Handgriffen werden die Requisiten immer wieder zu anderem, so überraschend und witzig, dass es beinahe magisch erscheint.

Entscheidend freilich für dieses wunderbare Kabinettstück ist die faszinierende und intensive Art, mit der Matthias Brüggenolte und Christiane Nothofer fast ohne Kostümwechsel in immer neue Rollen schlüpfen, innerhalb eines Atemzugs zwischen den verschiedensten Charakteren wechseln und dabei in jeder Geste, jeder Mimik so ganz und gar überzeugend sind, dass man einfach schier endlos zuschauen möchte. Egal ob cooler Gangstertyp, oder Barfrau: Christiane Nothofer wechselt verblüffend rasch die Charaktere und nutzt grandios die Chance, die riesige Bandbreite ihres schauspielerischen Könnens zu entfalten. Ebenso wie Matthias Brüggenolte, der es sogar schafft, in einer einzigen Szene abgebrühter Killer und dessen ängstliches Opfer zugleich zu sein. Das ist authentisch, nah, lebendig und komisch, quirlig, skurril und ungeheuer packend. Und so präsentiert dieses kleine Abschiedsstück, mit dem sich auch Brüggenolte und Nothofer aus Neuss verabschieden, nicht nur die sonderbare Geschichte eines Möchtegern-Selbstmörders, sondern zeigt lebendig und konzentriert die Möglichkeiten, mit denen Theater sich mühelos gegen die Macht der Leinwandbilder behaupten kann.

(NGZ)