Neuss: Vom "Auswärtsspiel" der Schützen

Neuss : Vom "Auswärtsspiel" der Schützen

Das Rheinische Schützenmuseum erinnert mit einer Sonderausstellung an Wettkämpfe, die in der frühen Neuzeit als Freischießen ausgetragen wurden - und für die die auserwählten Teilnehmer gerne weite Strecken zurücklegten.

Die Menschen in der frühen Neuzeit waren reiselustiger, als heute oft angenommen wird, doch sie brauchten einen Anlass, um den Heimatort zu verlassen. "Erholung" gehörte nicht dazu, wohl aber eine Einladung - etwa zu einem Wettbewerb. Und so entwickelte sich zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert auch ein "Schützentourismus", dem jetzt das Rheinische Schützenmuseum an der Oberstraße eine Sonderausstellung widmet. "Einladung zum Schießspiel", ist der Titel - und Sonntag um 11 Uhr ist Eröffnung.

Diese Freischießen genannten Treffen, für die mit sogenannten Ladbriefen auch überregional um Teilnehmer geworben wurde, waren eine Gelegenheit für die Schützen, den engeren Kreis ihrer Bruderschaft oder Schützengilde und damit auch ihrer Stadt zu verlassen. Und für die ausrichtende wie auch die entsendende Stadt waren diese Wettkämpfe eine Frage des Prestiges. "Nachweislich", so berichtet Museumsleiterin Britta Spies, "entsandte auch die Stadt Neuss Wettkämpfer nach Köln und Düsseldorf und stattete sie mit einem Zehrgeld dafür aus." Doch den Zuschuss aus der Stadtkasse belohnten die Athleten nicht mit Titeln oder Medaillen. "Die Neusser schnitten nicht sehr ruhmreich ab", sagt Spies - zumindest bei diesen bekannten Treffen, wo ein 25. beziehungsweise ein 30. Platz beurkundet sind.

Wenn zum Freischießen einige hundert Armbrust- oder Büchsenschützen zusammenkamen, war das ein Spektakel, das natürlich Kosten verursachte. Der Magistrat der gastgebenden Stadt hatte für Quartier zu sorgen, stiftete zum Teil beachtliche Schießpreise, stellte Musiker und Dienstboten ein, und, und, und.

Das Geld dafür wurde oft mit Lotterien eingenommen, denn für die Lose fehlte es nie an Abnehmern. Die Schützen mit ihren Wettkämpfen und Umzügen zogen Schaulustige an, denen wiederum Händler und andere "Dienstleister" folgten. So verbanden sich die Freischießen mit großen und Tage dauernden Kram- und Jahrmärkten, bei denen dann zum Beispiel auch das Würfeln um Geld wenn nicht ausdrücklich erlaubt, so doch geduldet wurde, sagt Spies. Dann herrschte ein wenig Ausnahmezustand.

Breiteren Raum in der Ausstellung nimmt das Phänomen der "Ladbriefe" ein, die durch die Lande geschickt wurden. Sie enthielten nicht nur Ort und Stunde des Wettkampfes, sondern wirklich alle Informationen, die man als teilnehmender Schütze haben musste. Das ging sogar so weit, dass das Pergament ein kreisrundes Loch aufwies, das die maximale Dicke der Bolzen anzeigte, die der Armbrustschütze im Wettkampf verschießen durfte. Und immer gehörte zum Ladbrief auch ein Längenmaß und ein Hinweis auf die Größe des zu treffenden Ziels. Vor der Einführung des metrischen Maßes, erinnert Spies, gab es keine einheitlichen Längenmaße. Stattdessen wurde in Elle oder Fuß gerechnet - und auch diese waren regional unterschiedlich lang. Mit dem aufgedruckten Längenmaß im Ladbrief allerdings ließ sich die Länge der Wettkampfbahn berechnen. "Das war für das Training und die Wettkampfvorbereitung unerlässlich", sagt Christian Frommert vom Joseph-Lange-Schützenarchiv, der die Ausstellung mit kuratiert hat.

Ob es in Neuss auch solche Freischießen gab? Es gebe Stimmen, die das behaupten, sagt Spies, Belege hat sie nicht. Überhaupt sind Bilddokumente nur aus süddeutschen Städten erhalten, sagt sie. Diese dokumentieren auch das Beiprogramm der Schießen mit Kegeln, Steinewerfen und anderen Angeboten zur Volksbelustigung. Ein Beispiel dafür kommt aus Regensburg in die Ausstellung. Dort wurde 1586 ein Freischießen ausgetragen, zu dem das Kurfürstentum Köln nur einen Vertreter schickte. Denn Reisen in der frühen Neuzeit -auch diesen Aspekt beleuchtet die Ausstellung - waren mühsam und nicht ungefährlich. "Die Straßen waren unbefestigt, man musste weite Strecken laufen oder in ungefederten Wagen fahren - und am Zielort wartete oft nur ein Strohlager in einer dunklen Gaststätte", sagt Spies.

Sich im Wettkampf mit Schützen anderer Städte zu messen, blieb auch in Mode, als ab Mitte des 17. Jahrhunderts kaum noch jemand von Freischießen sprach. An dessen Stelle traten die Bundesschießen, die etwa der Deutsche Schützenbund organisiert. Ladbriefe werden dazu nicht verschickt. Das Medium der Gegenwart sind - Plakate.

(-nau)
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