Neuss: Vergessener Sprachspieler

Neuss: Vergessener Sprachspieler

Vor 20 Jahren ist der zu Lebzeiten sehr bekannte Dichter Hans Peter Keller gestorben. Heute ist sein Werk nur noch wenigen bekannt. Eine Lesung der Bürgerstiftung will das ändern.

Mit Hilde Domin war er sein Leben lang befreundet; Heinrich Böll schätzte seine Arbeiten über alle Maßen; mit Emil Barth hat er nächtelang in seinem Haus diskutiert; Hans Carossa hat ihn früh gefördert; Franz Kafka, Gottfried Benn und Günther Eich haben ihn beeinflusst — aber gemessen an diesen Namen ist der in Rosellerheide geborene Lyriker Hans Peter Keller ein Vergessener.

H.P. Keller oder HPK, wie er sich schon genannt hat, als das Kürzeln von Namen keineswegs gebräuchlich war, ist vor 20 Jahren 74-jährig gestorben. Seine große Zeit als Dichter hatte er in den späten 50er und in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Sein Brot verdiente er von 1955 bis 1983 als Lehrer an der Düsseldorfer Buchhändlerschule, war zudem ab 1973 Leiter der Volkshochschule in Büttgen, wo er bis zu seinem Tod etwas abgeschieden am Rand des Ortes in einem Haus wohnte, das seine Frau geerbt hatte.

Ein Straßenname in Büttgen sowie in Neuss, eine Tafel am Geburtshaus in Rosellerheide erinnern an den Künstler, der mit dem Heinrich-Droste-Literaturpreis und dem Immermannpreis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet wurde. Er hätte mehr Preise verdient gehabt, schrieb Hilde Domin 1989 in einem Nachruf für die FAZ, "den Heine-Preis zumal. Aber da Düsseldorf bekanntermaßen eine etwas behäbig reagierende Stadt ist (...) läßt sich dies vielleicht posthum noch nachholen."

Ein Vorschlag ohne Folgen, ohnehin hat dieser "Luftsegler der Sprache", wie Domin ihn titulierte, schon in den letzten Jahren seines Lebens darunter gelitten, mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten. Dabei hat es Zeiten für Keller gegeben, in denen die Jüngeren an seinen Lippen hingen. Er begeisterte sie mit Aphorismen und Gedichten, die auch heute nichts von ihrer sprachlichen Brillanz und intellektuellen Schärfe verloren haben. Der zurückgezogen lebende Dichter verwandelte sich bei seinen wenigen Lesungen in einen fesselnden Literaturpädagogen — "federnd, präsent, ein Sprachspieler und geborener Lehrer", wie Zeitgenossen beschrieben.

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"Ein Selbst, das schmerzlich sich auf sich besinnt" ist die letzte Veröffentlich Kellers betitelt, 1975 erschienen und das 18. in einer Reihe von Büchern mit Gedichten und Aphorismen, die von einem besonderen "Kellerton" bestimmt sind, in dem sich Sprödigkeit, und Aggression mit Eleganz und Geschliffenheit mischen. Kühl und lapidar sind seine Gedichte formuliert, die er in Bänden wie "Herbstauge" oder "Auch Gold rostet" veröffentlicht hat.

Seine Aphorismen sind geprägt von der Freude an der ironischen Brechung am Spiel mit Worten, denen er nur zu gerne eine Mehrdeutigkeit mitgibt: "Überkochende Utopien verderben den Geschmack an Wirklichkeiten, die möglich sind"; "Solang du Glück hast, bist du nicht glücklich"; "Seht, er kehrt vor seiner Tür — und drinnen?"

Es bleibt die Frage, die schon zu seinem Tod in dieser Zeitung von Reinhard Kill gestellt wurde: Wie gerecht ist der literarische Ruhm; was bleibt warum im Gedächtnis der Nachwelt bewahrt?

(RP)
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