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Vanessa Schormann (München) leitet das „Globe Neuss Education“-Programm

Globe Neuss Education : „Shakespeare-Texte sind immer Spielvorlagen“

Vanessa Schormann aus München leitet das „Globe Neuss Education“-Programm und erzählt von ihren Erfahrungen.

Frau Schormann, die Zahlen sprechen für sich. Ist das Education-Programm damit ausgereizt?

Vanessa Schormann Eher durch Zeit und Raum. Die Feiertage im Juni etwa begrenzen unsere Möglichkeiten genauso wie der Raum in Wetthalle und Globe. Mehr Workshops wären nur dann möglich, wenn auch mehr Gäste von außen, also von den eingeladenen Companys, dazugeholt werden könnten. Dieses Jahr hat uns zum Beispiel Petra-Janina Schultz von der Bremer Shakespeare Company geholfen. Viel Luft nach oben gibt es aber nicht mehr.

Es bleibt dann alles so, wie es ist?

Schormann Eher kann man überlegen, ob wir nicht inhaltlich was ändern. Zum Beispiel einen Tag „Discover Shakespeare“ mehr anbieten. Dieses Angebot für das Publikum ist sehr beliebt geworden: mit kurzem Wokrshop zu Leben und Werk von Shakespeare. der kleinen Backstage-Tour, dem gemeinsamen Picknick, der Einführung, dem Vorstellungsbesuch und Publikumsgespräch. Damit erreichen wir auch Menschen, die von auswärts anreisen, aber keine Ahnung von dem Festival haben. So gewinnen wir immer wieder neues Publikum.

So kennt der Festival-Besucher Vanessa Schormann: am Mikro zur Einführung in die Aufführung. Foto: Christoph Krey

Wie viele Menschen stemmen denn überhaupt das Neusser Programm?

Schormann Ich bin verantwortlich für Planung und Durchführung. Vor Ort hilft mir vor allem Barbara Kempen vom Kulturamt, die alles organisiert. Wir fangen gemeinsam schon im Januar an. Beim Festival selbst steht mir zudem einer der Studenten aus dem Team des Kulturamts zur Seite.

Also eigentlich machen Sie das Pädagogische alleine...

Schormann (lacht) Im Prinzip schon. Von morgens neun bis etwa ein Uhr nachts bin ich im Einsatz.

Wie lange Sind Sie schon dabei?

Schormann Im nächsten Jahr feiern wir mit Globe Neuss Education 15 Jahre, ich bin schon seit 2002 dabei.

Das Festival soll 2020 von Mitte Mai bis Mitte Juni stattfinden. Und es feiert 30-Jähriges. Gibt es da ein besonderes Programm?

Schormann Bestimmt. Wir überlegen gerade. Aber mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Aber Sie haben den frühen Termin schon vermerkt? Schließlich sind Sie Dozentin an der Münchner Uni, Dramaturgin, Leiterin des Shakespeare Globe Zentrums Deutschlands und geben viele Workshops in der ganzen Bundesrepublik.

Schormann Ja, aber der Neusser Termin ist gesetzt.

Sie haben allein in Neuss einige Schülergenerationen kennengelernt. Hat sich über die Jahre das Verhalten der Jugendlichen verändert?

Schormann Nicht wirklich. In den Workshops steht immer noch die Aktivität, nicht das passive Konsumieren im Vordergrund. Es gibt sicherlich manchmal Aufmerksamkeitsdefizite, aber letztlich sind die Jugendlichen immer zu packen. Interessanterweise ist in den Jahren noch nie jemand ausgestiegen.

In den Workshops geht es ja auch um die Fremdsprache Englisch.

Schormann Ja, wir setzen uns mit der Originalsprache auseinander. Aber Englisch ist bei den Schülern heute überhaupt kein Problem mehr. Eher muss man sie für eine alte Zeit begeistern. Meistens erkennen sie aber, dass die Themen Shakespeares menschlich und sehr modern sind.

Es ist also nicht schwieriger geworden, die Schüler einzufangen?

Schormann Nein, ich überdenke ja mein Konzept ständig. Und vielfach hat es mit den Lehrern zu tun, denn die, die kommen, sind oft begeistert von Shakespeare. Das überträgt sich auch auf die Schüler. Zudem kommen viele Klassen, bevor sie Shakespeare auf dem Stundenplan haben. Denn bei uns ist der Zugang ein anderer, wir vermitteln, dass Shakespeare-Texte Spielvorlagen für das Theater sind. Am Ende eines Workshops steht immer eine Szene, die nachgespielt wird. Dadurch lässt sich eine ganz andere Begeisterung wecken.

Als Vorstandsmitglied der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft beklagen Sie aber, dass Shakespeare als Unterrichtsstoff von den Lehrplänen mehr und mehr verschwindet.

Schormann Ja, wir kämpfen dafür, dass das nicht so ist. Dafür brauchen wir natürlich eine Lobby, ich werbe also immer dafür, Mitglied der Gesellschaft zu werden.

Wie haben Sie den Weg zu Shakespeare gefunden?

Schormann Als Studentin habe ich ganz bewusst Shakespeare-Seminare gemieden, aber immer schon Theater gespielt. Erst eine Exkursion nach Stratford, wo ich eine Woche lang Shakespeare auf der Bühne gesehen habe, hat die Begeisterung geweckt. Ich habe meine Magisterarbeit über sein Theater geschrieben, danach ein Stipendium für eine zweijährige Reise zu allen Globe-Theatern der Welt bekommen, viele Regisseure kennengelernt und schließlich die Anfrage, als Dramaturgin zu arbeiten, bekommen.

Und wie kamen Sie nach Neuss?

Schormann Meine Magisterarbeit sollte eigentlich über das damals im Aufbau befindliche Londoner Globe gehen. Ich bekam aber keinen Zutritt, hatte allerdings erfahren, dass es in Neuss ein Globe gibt und bin 1996 hingefahren. Dort habe ich  Patrick Spottiswoode kennengelernt, der mir die Türen in London geöffnet hat. Als 2001 meine Doktorarbeit als Buch erschienen ist, habe ich es im Neusser Globe vorgestellt. Das war der Einstieg, weil Rainer Wiertz mir dann die Dramaturgie beim Festival angeboten hat.