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Neuss: Unsentimentale "Liebelei"

Neuss : Unsentimentale "Liebelei"

Marc Lunghuß hat am Rheinischen Landestheater Arthur Schnitzlers Drama "Liebelei" inszeniert. Zugespitzt und pointiert, aber im Vergleich zu seiner "Törleß"-Inszenierung vor zwei Jahren am gleichen Ort geradezu zahm.

Melanie Vollmer hat nur ihr Gesicht und ihren Körper, um auszudrücken, was Autor Arthur Schnitzler ihrer Figur Christine in Worten zugesteht. Sie, die Fritz aus ganzem Herzen liebt, darf in Marc Lunghuß' Inszenierung von Schnitzlers Drama "Liebelei" am RLT kaum einmal etwas sagen. Denn wie hatte Fritz doch unmissverständlich klargemacht: "Gefragt wird nichts." Aber er weiß, was sie wissen will und schleudert ihr ihre Worte voller Wut entgegen: dass sie einander nicht oft genug sehen; was es mit dieser Dame in Schwarz auf sich hat, mit der er in der Theaterloge saß; … Und sie schweigt. Steht nur da und schaut. Die personifizierte Angst, etwas falsch zu machen und damit auch das letzte bisschen Hoffnung zu zerstören, dass aus ihr und Fritz ein Paar wird. Ein richtiges.

Schnitzlers Drama spielt im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts und mit seinen gesellschaftlichen Konventionen. Hier die beiden Freundinnen Mizzi und Christine aus dem kleinbürgerlichen Milieu, die auf eine gute Heirat hoffen; dort die beiden Herren Theodor und Fritz aus der höheren Gesellschaft, für die die Mädchen nur Zeitvertreib sind. Während Mizzi — so pragmatisch wie patent — damit klarkommt, verliebt sich die sensible Christine hoffnungslos in Fritz.

Lunghuß und Dramaturgin Barbara Noth aber lassen alles eindeutig Verortende weg, konzentrieren sich allein auf die Gefühlslage der vier Hauptpersonen, streichen nicht nur jedes Begleitpersonal wie Christines Vater, sondern verändern auch die Charaktere. Wer allerdings nach der ebenso radikalen wie packenden "Törleß"-Inszenierung von Lunghuß vor zwei Jahren am RLT einen ebenso beherzten Zugriff auf diese Liebesgeschichte erwartet, wird enttäuscht. In den Mitteln um einiges zahmer, spitzt Lunghuß gleichwohl auch Schnitzlers Drama zu.

Und so zeigt der 37-Jährige auch mit seiner "Liebelei", was ihn umtreibt: warum der Mensch so und nicht anders handelt. Christine fehlt es an jedwedem Willen, sie lässt alles nur mit sich geschehen. Dass sie sich selbst tötet, nachdem sie erfahren hat, dass Fritz wegen einer anderen Frau und von Hand des eifersüchtigen Ehemanns gestorben ist (so legt Schnitzler es nahe), passt denn auch nicht zu dieser Figur, der Melanie Vollmer auch mit den wenigen zugestandenen Mitteln eine klare Kontur gibt.

Ihre Christine ist pure Projektionsfläche für den zynischen Egoismus eines Mannes, der nicht bekommen kann, was er will, und nicht haben will, was er bekommen kann. Henning Strübbe spielt ihn überzeugend mit einer Mischung aus furioser Grausamkeit und weinerlichem Selbstmitleid. André Felgenhauer ist die ideale Besetzung für Theodor — äußerlich ein lustiger Paradiesvogel, aber als Figur wohl die wahrhaftigste in diesem Quartett. Ein bisschen unbedarft, aber irgendwie auch eine ehrliche Haut. Eigentlich würde er gut zu der illusionslosen, gleichwohl beherzten Mizzi, die von Sigrid Dispert frisch und unbekümmert gespielt wird.

Kostümbildnerin Jennifer Thiel hat ihnen allen kongeniale äußere Erscheinungsbilder verpasst. So kommt Christine im farblosen Hängerchen daher. Auch das schmucklose Bühnenbild von Martin Dolnik mit dem großen pochenden Herz zu Beginn passt sich der schnurgeraden Inszenierung an.

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