1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

Neuss: Ungewöhnliche Kindheit in der Pomona

Neuss : Ungewöhnliche Kindheit in der Pomona

Auf große Resonanz stieß die Lesung von Ulf Erdmann Ziegler aus seinem Roman "Nichts Weißes" in der Stadtbibliothek. Der Autor – er war Gast beim "Literarischen Sommer" – erzählt darin auch von einer Kindheit in der Pomona.

Auf große Resonanz stieß die Lesung von Ulf Erdmann Ziegler aus seinem Roman "Nichts Weißes" in der Stadtbibliothek. Der Autor — er war Gast beim "Literarischen Sommer" — erzählt darin auch von einer Kindheit in der Pomona.

In Neuss ist alles anders. Ulf Erdmann Ziegler liest nicht zum ersten Mal aus seinem aktuellen Roman "Nichts Weißes", aber die Dramaturgie, die sich der Autor ansonsten für seine Lesungen zurechtgelegt hat, greift in Neuss nur bedingt. Denn dort ist es natürlich interessant, wie und warum er auf die Idee gekommen ist, seine Hauptfigur Marleen Schuller in der Pomona aufwachsen zu lassen. Dort sind natürlich besonders jene Passagen gefragt, die eben dieses junge Leben in den 1960/70er Jahren beschreiben. Dort trifft er auf Leute, die aus eigener Anschauung kennen, was er so bildhaft wie humorvoll beschreibt. Kein Wunder also, dass auch eine der Fragen aus dem Publikum zum Schluss lautet: "Haben Sie Reaktionen aus Neuss auf Ihr Buch bekommen?" Ziegler überlegt. "Nee, nicht direkt", erwidert er — und ergänzt dann lächelnd: "Diese Einladung natürlich."

Diese Einladung — das ist die von der Stadtbibliothek an den Autor, beim "Literarischen Sommer" zu lesen. Zum zweiten Mal übrigens ging die an Ziegler, denn 2008 war er bereits mit seinem Romandebüt "Hamburger Hochbahn" zu Gast. Ziegler verortet seine Geschichten gerne dort, wo er sich auskennt. Schon vor vielen Jahren hatte er Neuss mal besucht, sich in Norf später sogar ein Auto gekauft, aber der Ausgangspunkt für "Nichts Weißes" lag dennoch auf der anderen Rheinseite, in Düsseldorf. Denn Hintergrund war das Arbeitsleben in der Werbebranche, und in der spielte Düsseldorf vor rund 40 Jahren eine große Rolle. Ziegler siedelte Marleens Vater Petrus dort in einer großen Agentur an, wo er auch Marleens Mutter kennenlernte, die später als freischaffende Illustratorin im eigenen Haus in der Pomona 133 arbeitet. "Denn das Familienleben sollte sich in Neuss abspielen", sagt Ziegler und betont: "Das war mir schon früh klar."

Dabei war sein Neuss-Bild anfangs durch die stark ablehnende Haltung eines Freundes eher negativ geprägt. "Aber verstehen konnte ich das nicht", sagt er. Gleichwohl fasziniert ihn dieser negative Blick auf eine Stadt, und so lässt er diesen auch in sein Buch einfließen, "aber ohne dass darüber entschieden wird". Aber ihn beschäftige nun mal, "wie man das wurde, was man geworden ist, und deswegen beschäftigt das auch meine Figuren."

Literatur hat für ihn die Funktion einer "wahrscheinlichen Annäherung" — im Falle von "Nichts Weißes" kommt die der Wirklichkeit so nahe, dass nicht nur die Projektleiterin des Lese-Festivals, Ursel Hebben, sich animiert fühlte, nach der Hausnummer der Familie Schuller, der Nummer 133, zu suchen. Gefunden habe sie sie nicht, gibt sie jedoch in ihrer Einleitung zu. Konnte sie auch gar nicht, wie sich dank der Kenntnis derzeitiger Pomona-Bewohner an diesem Abend herausstellt. "Aber ich habe schon genau geguckt, wo sie liegen könnte", kommentiert Ziegler das mit einem verschmitzten Lächeln. Die schöne Idee von Ursel Hebben, an diesem Abend auch alte und neuere Fotos aus der Pomona auf eine Leinwand zu werfen, verbildlicht seine Worte.

Stummer Zeuge für Zieglers Recherchearbeit war ein grüner Apfel. Den hatte eine Zuhörerin aus der Pomona ihm mitgebracht. Sie war die von Ziegler zufällig im Telefonbuch ausgewählte Quelle für die richtige Ausdrucksweise, ob man nun in oder auf der Pomona wohnt. "In" hieß es, aber Ziegler hat sich in dichterischer Freiheit dann doch für beide Varianten entschieden.

(NGZ)