1. NRW
  2. Städte
  3. Neuss

„Twelfth Night“ beim Shakespeare Festival in Neuss

„Twelfth Night“ beim Shakespeare Festival : Fürsten im Fitness-Studio

„Danger shall seem sport“ (in etwa: das Risiko sportlich nehmen, ein Zitat von Antonio) steht wie ein Motto über Kelly Hunters Inszenierung von „Twelfth Night“ (Was ihr wollt) beim Shakespeare Festival. Das passt, denn die Darsteller sind ungebremst mit viel Körpereinsatz unterwegs und nehmen jedes Risiko – zum Entzücken des Publikums.

Keiner verlässt die Bühne, alle sind ständig präsent und geben alles. Als würde die Truppe des englischen Flute Theatre sich im Fitness-Studio auf einen Wettkampf vorbereiten. Jeder weiß um seinen Einsatz und sitzt – wenn er gerade nicht läuft, springt oder tanzt – am Bühnenrand auf der Bank, wo er die anderen begleitet. Das geschieht wahrscheinlich einerseits mental, andererseits hörbar: Fürst Orsino (Tom Chapman) zupft melancholisch die Gitarre und kann so seinem Verlangen nach der Musik als Nahrung der Liebe auch selbst nachkommen.

Joshua Sneesby alias Antonio untermalt das Geschehen wahlweise mit Trompete, Melodica oder Ziehharmonika. Und Finlay Cormack verlässt seine Rolle als Maria immer mal wieder, um eine Aussage auf einem Schlagzeug durch einen Trommelwirbel oder ein paar Hieben auf die Becken zu unterstreichen. Jeder Schauspieler hat ein Glöckchen, das er an passender Stelle erklingen lässt, wenn die anderen in einer Szene einander vielleicht gerade wieder nahe kommen. Was quasi ständig geschieht.

  • Geldern : Shakespeare-Komödie im Innenhof von Schloss Haag
  • Neuss : Im Globe ginge mehr als Shakespeare
  • Jüchen : Shakespeare-Original im Schlosshof

Alle sind lässig in T-Shirts oder Shorts gekleidet, sonst könnten sie auch gar nicht so ausgelassen toben. Sneesby/Antonio als treuer Freund und Lebensretter trägt ein verblasstes Superman-S auf der Brust –  nur das Geschwisterpaar Viola (Paula Rodriguez) und Sebastian (Paul Gorostidi in einer Doppelrolle auch als Olivias Angestellter Andrew), erscheint in neutralem Schwarz. Malvolio (Richard Leeming) spielt ebenfalls wie gewohnt eine Sonderrolle – ansonsten hoch geschlossen und förmlich ausstaffiert, lässt er wortwörtlich die Hosen herunter, als er glaubt, dass Olivia ihn liebt. Als steife Comic-Figur in gestreifter Wäsche stakst er dann mit halb hochgezogenen gelben Strümpfen über die Bühne. Wie eine Maske wirkt dabei das zu einem unnatürlichen Lächeln verzogene Gesicht. Für ihn gibt es Sonderapplaus.

Paula Rodriguez mimt die Viola mit so viel augenrollender Leidenschaft, dass sie die meisten Blicke auf sich zieht. Gern schaut man ihr zu, wie sie in der Rolle als Orsinos Bote Cesario versucht, sich als rotzfrecher Junge zu gebärden. Zu ihrem temperamentvollen Auftreten passt, dass sie zuweilen in ihre Muttersprache Spanisch verfällt. Nur wenn sie aus unerfindlichen Gründen versucht, französisch zu singen, wird’s unverständlich. Auch mag man nicht recht glauben, dass sie sich in den eher blassen Fürsten verliebt.

Das Ensemble schafft es immer wieder gekonnt, einzelne Textstellen in Gesang aufzugreifen und spontan zu einem Chor zu werden. So schlägt das Flute Theatre musikalisch den Bogen vom Beginn zum Schluss des Stücks, wenn es den Namen „Olivia, Oli, Ola...“ intoniert. Und es gibt noch mehr verbindende Elemente: einen weißen Schal, der wie ein Handtuch im Training immer wieder den Besitzer wechselt oder im Bühnenhintergrund gespannt wird. Passend zu den brütenden Temperaturen im Theater wird auch zwei Mal ein Eimer Wasser geleert. Anfangs übergießt Maria (Finlay Cormack) damit Olivia, als diese in Illyrien an Land krabbelt.

Am Schluss muss Maria dann aber den Eimer über dem eigenen Kopf auskippen – als Strafe dafür, dass sie Malvolio an der Nase herumgeführt hat. Derweil finden die Hauptpersonen in einer Art Orgie zusammen, küssen und herzen einander – zum Entzücken des Publikums, das ihnen standing ovations bringt.

Info Die letzte Woche des Shakespeare-Festivals hat begonnen, es dauert noch bis 7. Juli 2018. Mehr Informationen gibt es unter shakespeare-festival.de.