Männerfreundschaft: TV-Kommissar trifft Neusser Bürgermeister

Männerfreundschaft: TV-Kommissar trifft Neusser Bürgermeister

Marco Girnth besucht Kumpel Reiner Breuer

Marco Girnth ermittelt als Jan Maybach in der ZDF-Serie SOKO Leipzig. Sein Freund aus Norfer Zeiten ist der Neusser Rathaus-Chef Reiner Breuer. Ein Treffen unter alten Freunden.

Aufregung im Café Koffi an der Neustraße. "Sind Sie nicht ...?" fragt stotternd Bedienung Kirstin Dohmes (20). Ja, er ist es: Schauspieler Marco Girnth (46), der seit 2001 in 319 Episoden der ZDF-Serie SOKO Leipzig den Kriminaloberkommissar Jan Maybach spielt. Angesichts des TV-bekannten Gesichts fällt dem ersten Bürger der Stadt in dieser Situation nur die Nebenrolle zu, obwohl er auch am selben Tisch sitzt. Bürgermeister Reiner Breuer (47) trägt es mit Fassung und einem Schmunzeln: "Ich spiele ja auch keine Rolle."

Was keiner der Gäste im Café ahnt: Der TV-Kommissar und der Neusser Rathauschef haben sich weder zufällig noch beruflich im Koffi getroffen, sondern da sitzen zwei Jugendfreunde zusammen, die sich in fast 40 Jahren nicht aus den Augen verloren haben. "Ich wusste, er wird als Politiker Karriere machen", sagt Marco Girnth, "er wusste aber nicht, dass er das Zeug zum Bundeskanzler hat." Bürgermeister ist er schon ... Während er selbst eher der Zweifler, der Grübler sei, entscheide sein Freund Reiner auch in dem Bewusstsein, "dass er mit jeder Entscheidung auch einen Teil der Menschen vor den Kopf stößt."

"Neuss ist Heimat"

Alles fing in Norf, präziser in Derikum, an. Da waren die beiden Jungs neun Jahre alt, besuchten die Geschwister-Scholl-Grundschule; ihre Elternhäuser Am Goldberg und an der Schellbergstraße standen kaum 100 Meter von einander entfernt. Der Weg aufs Gymnasium trennte die Freunde, aber nur während des Unterrichts. Reiner Breuer machte das Abitur in Norf, während Marco Girnth ("Ich komme aus einer CDU-sozialisierten Familie") in Knechtsteden erfolgreich war. Dort habe ihn Direktor Josef Zanders ("Ein Wahnsinnstyp") beeindruckt; im Jurastudium habe er es immerhin bis zum ersten Staatsexamen geschafft.

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In ihrer Freizeit hingen die Freunde zusammen, gehörten zu einer etwa 20-köpfigen Clique, die sich bis heute zumindest einmal im Jahr trifft: "Die meisten sind hier geblieben." Auch wenn er die Freunde von damals nur selten sieht, fühlt sich Marco Girnth bei jedem Treffen wieder mitten drin: "Die alten Instinkte greifen sofort." Der erfolgreiche TV-Schauspieler, der mit seiner Familie längst in Berlin lebt, formuliert seine Emotionen so: "Neuss ist Heimat."

Das Zugticket ins Abenteuer

Die Jugendlichen Reiner und Marco reisten mit wenig Geld viel durch Europa. "Interrail" war das Zugticket ins Abenteuer, das begann für sie schon in Lloret de Mar an der Costa Brava. Geschlafen wurde unter freiem Himmel am Strand oder in preiswerten Herbergen. Später spielten beide in einem 45-minütigen Super-8-Spielfilm, den sie auch selbst produzierten, suchten Modeljobs und wirkten beide in einem Werbespot für König-Pilsener mit. "Ich durfte lediglich durchs Bild laufen", sagt der heutige Bürgermeister zur damaligen Rollenverteilung, "während Marco schon König-Pilsener trinken durfte."

Wie viel Schauspieler steckt im Politiker Breuer? Ein Politiker solle schon "Lust am Auftritt" haben, sagt Reiner Breuer, aber er solle sich davor hüten, eine Rolle zu spielen. Er verrät, dass er am Schauspielhaus in Düsseldorf seine Rhetorik geschult und die Wirkung der Körpersprache gelernt habe: "Aber Schauspielerei verbietet sich in der Politik. Talente müssen immer authentisch sein." Wie viel Politiker steckt im Schauspieler Girnth? Politisch habe ihn Reiner Breuer wach gerüttelt: "Der hat mir das Spiegel-Magazin auf den Tisch gelegt." Reiner sei als erster im Zivildienst ins St. Alexius-Krankenhaus gegangen, der sei Motor des Antifaschistischen Arbeitskreises gewesen, der habe "gegen Rechts" mobil gemacht: "Reiner hat schon damals politisch geführt."

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