Neuss: Transfer zwischen den Kulturen

Neuss: Transfer zwischen den Kulturen

Das deutsch-indische Trio Benares spielte das letzte Konzert 2017 der Reihe "Blue in Green".

Transkulturalität ist für eine offene Gesellschaft wie der deutschen von zentraler Bedeutung. Jeder Mensch hat durch seine Herkunft andere ethnisch- und soziokulturelle Grundlagen. Aber durch Empathie, Reflexion und Perspektivwechsel ist man in der Lage, eine auch fremde Kultur als gleichberechtigt zu akzeptieren. In unserer modernen, globalisierten Gesellschaft mit ihren technischen und medialen Errungenschaften existieren Grenzen zwischen den Kulturen nicht mehr und Transkulturalität beschreibt den Prozess der Hybridisierung der eigenen kulturellen Identität.

Auch davon erzählte in der Alten Post das Konzert des Trios Benares um den Saxofonisten Roger Hanschel mit den zwei indischen Musikern, dem Sitarvirtuosen Deobrat Mishra und seinem Tabla spielenden Neffen Prashant.

Schon seit langem hat der Kölner eine Affinität zur klassischen Musik Nordindiens, in der der Raga die melodische und der Tala die rhythmische Struktur liefern. Vor einigen Jahren reiste er nach Indien, um sich an Deobrats Musikschule in Varanasi (so der Hindi-Name der einst Benares genannten, heiligen Stadt am Ganges) mit der Musik Indiens auseinanderzusetzen. Dabei lernte er die beiden Inder kennen, man entdeckte Gemeinsamkeiten im musikalischen Schaffen und gründete daraufhin wenig später das Trio Benares.

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Die Rollen auf der Bühne der Alten Post sind auf den ersten Blick klar verteilt. Die indischen Musiker liefern auf Tablatrommeln und der Sitar die komplexen rhythmischen Zyklen der Talas und die teils miktrotonal verzierten Melodiebögen der Ragas, während der Deutsche für die westlich geprägte Kultur zwischen improvisierter und komponierter Musik steht. Doch blickt man unter die Oberfläche, erkennt man, wie zwischen den Musikkulturen ein Transfer stattfindet.

Wenn Hanschel auf dem Altsaxofon mit Zirkularatmung, Überblastechniken und Spaltklängen den Duktus der indischen Musik verarbeitet, wenn sich Deobrat und Prashant Mishra auf die Phrasierung und Tonbildung einer spezifisch europäischen Improvisationsmusik einlassen, dann kommunizieren die drei Musiker auf Augenhöhe: mal kontemplativ und emotional, mal konfrontativ und intellektuell, stets geprägt vom Respekt vor der spieltechnischen Leistung des jeweils anderen.

Diesen Respekt ließ die Alte Post an diesem Abend jedoch schmerzlich vermissen: Das Trio Benares musste vor der Kulisse einer Theaterproduktion auftreten. Deutlicher als in diesem absurden Bild der drei Musiker vor Dixieklo und Straßenabsperrung ließe sich die Notwendigkeit von Transkulturalität nicht vor Augen führen.

(NGZ)
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