Neuss: Tränen im Reitstall Schanowski

Neuss : Tränen im Reitstall Schanowski

Nach fast 50 Jahren schließt der Reiterhof am Derendorfweg. Zum Abschied gab es dort ein Fest.

Belek, Don Carlos, Faustus und Blondinchen sind zusammengerückt. In der letzten noch belegten Boxengasse im Reitstall von Heinz Schanowski (61) sind die Pferde für die letzten Tage dieser Einrichtung Nachbarn geworden. Spätestens kommenden Sonntag wird auch das vorbei sein. Nach 49 Jahren und fünf Monaten schließt die Anlage im Hammfeld, um Platz zu machen für das geplante Höffner-Möbelhaus.

Abschied von Heinz Schanowski: Sabrina Schäfer, Anna Kluitmann, Hannah Hosten (u.) Vanessa Borgermeister, Sarah Demmig und Kathrin Kirchner. Oben: Verena Schanowski auf der Reitanlage am Derendorfweg. Foto: A. Woitschützke

Vor dem großen Kehraus wurde am Samstag noch einmal gefeiert, aber das ging nicht ohne Tränen. "Wir verlieren ein Stück Zuhause", sagt Frauke von Locquinghien. 32 Jahre war sie "beim Schanowski", viele Jahre sogar jeden Tag. "Zum Heinz kam man ja nicht nur zum Reiten", sagt sie.

Die "Fledderer" waren alle schon da. Nachdem sich der Reitstallbetreiber vor zwei Monaten dazu durchgerungen hatte, nicht auf Erfüllung seines Pachtvertrages zu bestehen, der dem Betrieb eine Frist bis Juni 2014 gelassen hätte, standen erst all jene Schlange, die sich aus der beweglichen Habe des Betriebes herauspicken wollten, was zu gebrauchen schien — die Boxengitter, die Sprünge, die Bande in der Reithalle. Von Woche zu Woche war das nahende Ende am Derendorfweg so deutlicher geworden. Einige Kunden wie Frauke von Locquinghien ertrugen das nicht. Sie brachte ihr Pferd schon Anfang September in Kaarst unter. "Ich wollte den Abbruch nicht mitansehen müssen."

Im Durchgang von den Ställen zur Reithalle erinnert ein Trophäenschrank an die noch nicht lange zurückliegenden guten Zeiten. Daneben, wie ein Feldzeichen der letzten Getreuen: die Standarte des Neusser Reitclub. 1967 wurde er auf der Anlage gegründet, immer gehört er dazu. "Noch wissen wir nicht, ob wir den Verein auflösen müssen", sagt Andrea Hasemann, die Geschäftsführerin. Ihr Club erfuhr bei der Suche nach einer neuen Vereinsanlage keine Hilfe durch die Stadt, sagt sie.

50 Jahre lang war der Hof zwischen Innenstadt und Rheinvorland, an den sich die Bürohäuser der benachbarten Gewerbeparks immer näher herangeschoben hatten, für viele ein ganz wichtiger Treffpunkt. Jetzt treibt sie alle die Sorge um, sich aus den Augen zu verlieren. Die Treffs am Freitagabend im Reiterstübchen waren deshalb selten so gut besucht wie in den vergangenen Wochen, jetzt liegen lange Telefonlisten aus.

Zu den Freundschaften untereinander kommt die Anhänglichkeit an den Reitlehrer Heinz Schanowksi, der respektiert, geliebt und manchmal wegen seiner donnernden Ermahnungen auch gefürchtet wird. "Disziplin haben wir von hier mitgenommen", sagt Manuela Engels (45), die seit ihrem zehnten Lebensjahr im Hammfeld reitet. Sätze wie "Zuerst wird gefegt" aber auch "Wer trinken kann, kann auch aufstehen" hat sie wie Merksätze übernommen. "Heinz war auch eine moralische Instanz", ergänzt Hasemann. "Zu ihm konnte man mit allem kommen."

Viele wollen von diesem Mittelpunkt der Anlage nicht lassen. "Egal, wo Sie hingehen, rufen Sie uns an. Wir kommen", versprechen Sabrina Schäfer, Anna Kluitmann, Hannah Hosten, Vanessa Borgermeister, Sarah Demmig und Kathrin Kirchner laut schniefend. Sie sind 13, 14, 15 Jahre alt und stehen für die jüngste Generation, die "beim Heinz" gelernt hat — wie viele andere Teenager vor ihnen. Manche Mutter eines solchen "Backfisches" drängt sich deshalb am Samstag an den Reitlehrer und dankt ihm dafür, dass ihre Tochter die Pubertät in seinem Reitstall "überstehen" durfte. Sie seien durch den Umgang mit Pferden doch immer etwas relaxter gewesen als andere Teenies.

Vor einer Leinwand im Stall drängen sich viele Gäste und sehen sich die Bildergalerie an, die den Alltag auf der Anlage, Turniere, Jagdgesellschaften und die fröhlichen Feiern noch einmal lebendig werden lässt. Diese Schau zeigt auch, wie sehr die Anlage das Zuhause der Familie Schanowski war. Er selbst kam mit seinem Vater auf den Hof, da war er gerade elf, seine eigenen drei Kinder wuchsen dort auf und lernten auf dem Pony Pirat, das ihr Vater für sie anschaffte, reiten. Tochter Verena dankte dafür mit rührenden Worten — und viele hatten dabei einen dicken Kloß im Hals.

Zumal keiner weiß, was kommt. Drei Pferde will Heinz Schanowski behalten. Die hat er in einem Kaarster Betrieb eingestellt, wohin ihm einige Reiter aus seinem Stall folgen. Ob es einen Neuanfang für die Reitschule Schanowski gibt? Das hängt auch davon ab, wie sich Stadt und Möbelhausinvestor Krieger in der Ratssitzung am 30. September, dem Tag eins nach dem Ende der Reitschule, zu einer möglichen Entschädigung stellen. "Wenn die sich nicht einigen, bin ich am Ende der Dumme", sagt Schanowski. "Dann gehe ich hier mit Schulden raus."

(NGZ)
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